Auf der Schattenseite des Lebens. Gefangener seiner Behinderung.

„Auf der Schattenseite des Lebens“

„Gefangener seiner Behinderung“

„INHALTSÜBERSICHT“
„Im Zeichen des Löwen“
„Gute Mächte“
„VATER“
„Morgenröte – der Himmel lacht“
„Selbst – Zweifel“
„Wenn ich an dich denke“
„Menschenwürde “
„Im WARTEZIMMER“
„ODE an die Nacht“
„Adieu“
„Vaterland“
„ODE an die Liebste“
„Gruppenarbeit“
„Weiterleben auf dem Erdenzoo“
„Eingemauert“
„Liebe- und Aller-lei“
„Vielleicht“
„Reinhessen“
„Elternschatten“
„Von Feld und Reben I“
„Gau – Bickelheimer Lied“
„Von Feld und Reben II“
„Nebelland“
„Woodstock“
„Meine geliebte klarinette“
„Herbstzeit“
„Platzhalter“

 

 

„WIDMUNG

Im Zeichen des Löwen

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Viele Menschen sind mir im Verlauf meiner nun bald 63 Lebensjahre begegnet, jedoch nur wenige haben mich so tief berührt und inspiriert, dass ich meine eigenen Beweggründe, mein Handeln und Werken überdacht und soweit nötig geändert habe.

Am wesentlichsten wurde mir in der wohl schwersten Zeit meines Lebens bewusst, wer auch in diesen Stunden zu mir stand und auch zukünftig stehen wird und wer nur Randfigur in meinem Leben war und bleibt.

Da waren, obschon längst verstorben, vor allem meine Oma väterlicherseits und mein Opa mütterlicherseits, die mich ganz entscheidend prägten und die guten Seiten an mir wachsen und reifen ließen. Daneben waren es mein Patenonkel, die beiden Schwager meiner Mutter, nebst ihren Frauen.

Ja, und da war eine Frau, welche mir im Alter zwischen neun und zwölf Jahren Mutterersatz war, welche mich mit ihrer unbändigen Lebensfreude und positiven Lebenshaltung ganz besonders beeinflusste. Die mir auch heute noch mit guten Ratschlägen zur Seite stehen würde, und dass, nachdem ich Sie, ob falscher Beschuldigungen meiner Mutter, leider viel zu lange aus meinem Leben gestrichen hatte.

Eine großartige Frau, ruhend in Ihrem Glauben und in den einfachsten Dingen des Lebens noch Freude und Dankbarkeit erkennend.

Ich hoffte Sie so oft wie möglich in Ihrem neuen Zuhause in München besuchen und mit Ihr noch lange plaudern zu können. Jedes unserer Gespräche war prägend und Hoffnung spendend.

Sie, Schwester M. Friederika, welche die christliche Nächstenliebe lebte wie kaum eine zweite, hat uns leider im März 2017 verlassen.

Die Erinnerung bleibt, denn in Ihr sehe ich nicht erst seit heute meine geistige Mutter.

Dann gab es da noch einen Steyler Missionar, welcher mir ebenso wie die zuvor beschriebene Schwester, die schwere Zeit eines langen Krankenhausaufenthaltes bei permanenter Notwendigkeit im Bett liegen zu bleiben, weil eine Gips Hose mich fast drei Jahre meiner Kindheit eben an dieses Bett fesselte, erleichterte.

Dieser, Pater Schulz, lebensbejahende Mann katholischer Prägung zeigte, wie auch die zuvor genannte Schwester, dass Jesus Christus nachzufolgen nicht hieß zu frömmeln, sondern lebensbejahend die Freuden des Lebens mit anderen zu teilen, und, was noch entscheidender war, durch seine Güte, Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Vorbild, Menschen dem Glauben zuzuführen.

Gerne wäre ich beider Beispiele gefolgt!

Und es gab wahre Freunde, die sich gegen eine mir, von meiner Familie, aufoktroyierte Berufs- und Lebenswegwahl aussprachen, und die, wie es mir die Erfahrung der letzten mehr als fünfzig Jahre zeigt, Recht hatten damit, dass ich mich nicht zu sehr von meinen Eltern beeinflussen und ausnutzen lassen sollte.

Besagte Personen waren der Überzeugung, dass ich zu etwas anderem geboren wurde, als meinen Eltern den Weg zu ebnen und mich dabei so zu übernehmen, wie ich es am Ende dann tatsächlich tun musste.

Diese erkannten frühzeitig, dass der von den Eltern entschiedene Weg, mit körperlicher Überanstrengung für einen gehbehinderten, begabten Jungen, nicht der Richtige für mich sei.

Doch konnte ich damals, aufgrund der Krankengeschichte und – vermeintlich – berechtigter Dankbarkeit für die wenigen Elternbesuche im 450 km entfernten Krankenhaus, noch nicht erkennen das meine Eltern lediglich ihre eigenen Vorteile im Auge hatten, als sie nach meiner Geburt entschieden nicht länger in die Rentenversicherung einzuzahlen, und mich, im Alter von fünf Jahren, auf die Übernahme des elterlichen Betriebes einschworen.

Der, besagter Behinderung geschuldete, Rückzug aus Freundschaften, Spiel und Sport, führte gewissenermaßen dazu, dass ich 24 Stunden täglich und 365 Tage im Jahr in einem engen Korsett aus elterlichen und betrieblichen Zwängen und Erwartungen gefesselt wurde. So, mich langsam zum einsamen Wolf entwickelte. Letztendlich vor meiner Behinderung ständig, durch Überanforderung im Beruf, zu entfliehen versuchte.

Lediglich die ehrenamtliche Arbeit brachte mir etwas Auszeit, Erfüllung und persönlichen Rückzug.

Die Entscheidung der Eltern, als Folge eines Abwerbungsversuchs des Autohauses in welchem ich ein Volontariat absolvierte, in einen neuen Betriebsteil zu investieren, band mich ab meinem 14ten Lebensjahr noch stärker an den Betrieb. Denn einhergehend mit dieser Entscheidung wurde ich ins Finanzierungsrisiko eingebunden.

Die Erweiterungsplanung sah neben meiner finanziellen Beteiligung am Betrieb, den Ausbau meiner, im I. Obergeschoss geplanten Wohnung und deren Finanzierung vor. Selbstverständlich stand von meinem Eigentum nichts im Grundbuch, oder war anderweitig vertraglich geregelt. Das war in unserer Familie leider nicht „on vogue“!

Meine damalige monatliche Ausbildungsvergütung betrug 50/70/90 DM, gesehen habe ich jedoch nur 50% davon, da die Eltern den Rest für sich abzweigten.

25/35/45 DM für 50 Wochenstunden, 10 Tage Urlaub im Jahr, permanente Erreichbarkeit und Einsatzbereitschaft, Pausenregelung nach Tankkundenvorkommen – Mahlzeiten zwischen Tür und Angel – inklusive.

Von dieser Art modernen Sklaventums, einer Ausbildung im elterlichen Unternehmen, kann ich jedem nur abraten.

Ganz zu schweigen davon, dass erst die Vielfalt gemachter Erfahrungen in neuer Umgebung, einen Fortbestand, den Wachstum jeglichen Unternehmens erleichtert, helfen übernommene Fehler zu vermeiden.

Verantwortungsvolle Planung der Unternehmensnachfolge sieht ganz gewiss anders aus!

Die Finanzierungskosten für die Modernisierung der Geschäftsausstattung, die Beteiligung am Neubau und die Aufwendungen Für den Bau der Wohnung, dafür mussten meine Trinkgelder herhalten.

Eine freie und unbeeinflusste Berufswahl wurde so, von Tag zu Tag, mehr als eingeschränkt, vielmehr gänzlich blockiert.


Zusätzlich taten die Eltern alles, um einen von mir angestrebten, durch mehrfache Ausreisversuche bewiesenen, anderen beruflichen Lebensweg zu verhindern.

Mal waren es Arbeiten am, im Haus, – im Garten oder im Betrieb, die mich davon abhielten meinen Traum, das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen, und mich im sozialen und theologischen Bereich verstärkt zu engagieren, mit Leben zu erfüllen.

Mal musste ich schnell die Vertretung an der Tankstelle übernehmen, weil den Eltern eingefallen war, dass noch schnell etwas besorgt werden musste, mal waren es „dringende“ andere Arbeiten, oder die schlichte Bequemlichkeit der Eltern, die meine, ausschließlich spätabendlich mögliche, für das Studium notwendige, Konzentration zunichtemachten und mich über das Ende der Öffnungszeiten, zumeist bis 22.00 Uhr an Tankstelle, oder Arbeiten an Grund und Boden, banden.

Meine Interessen spielten dabei nie eine Rolle.

So wie sie es auch nicht wirklich spielten, als ich vom Krankenhaus nach Hause kam, Physiotherapie dringend notwendig gewesen wäre, diese aber, ob aus Bequemlichkeit, aus wirtschaftlichen, oder aber aus betrieblichen Gründen, schlicht und ergreifend negiert wurde.

Und ja, auch habe ich mich gerne engagiert, dankbar dafür das ich noch „so gut“ bei der ganzen Angelegenheit weggekommen bin.

Die mir wohlgesonnenen Warner und Freunde waren zwar nicht so zahlreich, doch über all die Jahrzehnte meines beruflichen als auch ehrenamtlichen Engagements hatte ich das Glück vielen Menschen zu begegnen, die es gut mit mir meinten.
Ja, die mich ein langes Wegstück begleiteten und mir viel Freude bereiteten. Dass, was ich geben konnte, kam so überreichlich zurück, so dass ich diese 32 Jahre meines Lebens, trotz des sehr hohen persönlichen Einsatzes in einer meiner wirtschaftlich schwierigsten Zeiten, heute als meine glücklichsten Lebensjahre bezeichnen darf.

Insbesondere ehemalige, erste Freundinnen, argusäugig bewacht von meinen Eltern, die offensichtlich um ihren Einfluss fürchteten, versuchten mich zu veranlassen, dass offensichtliche Gefängnis aus betrieblichen und elterlichen Zwängen zu verlassen, einer, meinen Neigungen und Eignungen, besser entsprechenden beruflichen Neuausrichtung zu folgen.

Ich konnte leider damals noch nicht erkennen, dass besagter Betrieb, allenfalls für eine Familie, Brot- und Arbeitgeber sein konnte, nicht zuletzt dank der von den Eltern vorangetriebenen unbedachten Betriebserweiterung. Ganz zu schweigen davon, dass mir bewusst war, dass meine Eltern auch im Rentenalter noch von diesem Betrieb leben mussten, ich also auf deren Lebenszeit in der Verpflichtung um ihre wirtschaftliche Sicherheit stand. Doch selbst wenn mir das bekannt gewesen wäre, hätte es keine andere Entscheidung gegeben. Vielmehr hätte ich, wie ich es bis zu meinem Unfall tat, einfach eine Schippe mehr aufgelegt, mich noch stärker in die Arbeit gestürzt um das zu meistern, was mir die Vorsehung auferlegte.

Ich habe das alles gerne getan, nie danach gefragt, was das mir bringt. Versucht kategorischen Imperativ, christliche Nächstenliebe zu leben.

Ein guter Bekannter hat mir einst mit auf den Weg gegeben: „du gibst eben jedem Menschen den größtmöglichen Vertrauensvorschuss“, wieder andere bezeichnen mein Verhalten als riesen Dummheit.

Tatsächlich ist es ein schmaler Grat zwischen einem Heiligen und einem Trottel!

Leonardo da Vinci wird nachfolgende Aussage zugeschrieben, welche mir nach kennenlernen derselben aufzeigte, weshalb ich so bereitwillig bereit war meinem Leben, in Folge des letzten Scheiterns meiner Bemühungen mich aus dieser Abwärtsspirale zu befreien, ein ums andere Mal ein Ende zu bereiten.

„Im Wissen und Kenntnis der Fehler seines Lebens weiterzuleben, ist schlimmer als der Tod“!

Heute weiß ich, dass ich, ob besagter Behinderung, meines „Krüppeldaseins“, eine wahnsinnig überzogene Energie da hinein gesteckt habe meine Behinderung zu überkompensieren. Meine körperliche Versehrtheit stets ausgeblendet habe, wenn es darum ging Leistungsbereitschaft und Einsatzwillen zu zeigen.

Meiner Behinderung, durch permanenten Leistungsdruck, permanent zu entfliehen suchte!

Gleichzeitig habe ich damit meinen Mitmenschen das falsche Signal gesendet.
Stärke und Verantwortungsübernahme demonstriert und diese damit indirekt aufgefordert mich mit noch weiteren, ihren eigenen, Aufgaben zu belasten, anstatt ein Zeichen für deren stärkere Übernahme von Eigenverantwortung auszusenden.

Aber zu der damaligen Zeit, wie übrigens auch heute noch, war es nicht gesellschaftskonform „Behinderte“ auf ihre, ob der Behinderung – wenn auch nicht selbst erkennbar– geschuldete, begrenzte Leistungsfähigkeit hinzuweisen, oder diesen verstehen zu geben, dass man diese ob ihrer Person und nicht wegen ihrer Leistungsfähigkeit liebt. Zudem war es äußerst bequem, da man sich auf solche Menschen immer blind verlassen konnte!

Einem ganz treuen Freund, aus der Zeit gemeinsamer Jugendarbeit mag ich ganz besonders danken. Er hat, trotz meiner wenigen Zeit für private Dinge und zwei bis drei Besuchen pro Jahr, teilweise ein Besuch alle drei Jahre, immer fest zu mir gestanden.
Hat selbst als ich verzweifelte, als einziger voll und ganz hinter mir gestanden und trotz seiner begrenzten Freizeit immer wieder Zeit gefunden um sich mit mir zu treffen. Ihm, seiner Frau und seinen drei Töchtern bin ich ganz besonders zugeneigt.

Und natürlich darf ich meine Frau und meine Kinder bei all den Aufzählungen nicht vergessen.

Wenn mich Mitarbeiter meiner Kunden manchmal so fragten, wie denn mein berufliches Engagement mit regelmäßig mehr als 100 Wochenstunden fern von zu Hause, dort aufgenommen werde?
Oder, wie meine Frau und die Kinder damit umgingen?

Dann habe ich immer zum Ausdruck gebracht, dass es für mich wie ein Wunder war, und ich dankbar dafür bin das meine Frau und die Kinder diese Strapazen – wohlweislich nicht freiwillig gewählt, sondern von der Not erzwungen – mit mir weiterhin noch teilten.

Viele der Betrachter fanden mein Leben mehr als erstrebenswert. Doch in Wahrheit war alles nur schöner Schein. Die ständigen Hotelaufenthalte, verteilt über die ganze Welt, trieben mich nur noch stärker zur Leistungserbringung an, und in die soziale Isolation hinein.

Nicht erst seit meinem Unfall weiß ich daher, was ich meiner Familie, in besonderem Maße aber mir selbst, angetan habe.

Auf Grund falscher Entscheidungen und Versprechungen der Eltern gezwungen zu sein die Liebsten nur noch wenige Stunden die Woche sehen, oder etwas mit Ihnen unternehmen zu können, ist das Schlimmste, was einem liebenden Ehemann und Vater passieren kann.

Den Zeitpunkt des Zusammenstoßes beider Fahrzeuge, bei besagtem Unfall, habe ich lediglich aufgrund der unsäglich starken Schmerzen wahrgenommen.
Spätestens mit dem Auslösen des Airbags, dem durchdringenden Geruch von Schießpulver – Feuer -, dem Gedanken in diesem Fahrzeug verbrennen zu müssen, wie ich es als Jugendlicher bei einem Verkehrsunfall in unserer Nähe bei einem Verkehrsteilnehmer erleben musste, hat bei mir zu einem Filmriss geführt, wie man heute so schön sagt.

Mittlerweile weiß ich, dass ich dank der aufgetretenen Dissoziation, nichts mehr von dem mitbekommen habe, was sich abspielte zwischen Aufprall und dem Aufwachen auf der Seitenlinie stehend, außer meinen Gedanken an all das was ich in den letzten 15 Jahren meiner Familie angetan habe und dass ich jetzt wohl keine Zeit mehr haben würde all das Leid was ich uns zugefügt habe ungeschehen zu machen.

Jetzt bleibt mir nur noch Euch um Eure Vergebung zu ersuchen, wohlwissend, dass ich uns mit, mir von den Eltern aufoktroyierten, doch auch fehlerhaft interpretierten und daraus abgeleiteten, wie wir heute wissen, falschen Entscheidungen, und weil ich nicht auf Euch hörte, in eine unsägliche Zukunft geleitet habe.

Einer Zukunft die ich nicht meinen ärgsten Feinden zumuten würde, am wenigsten aber Euch.

So habe ich 2006 mit nachfolgenden Zeilen Euch „Adieu“ sagen wollen und das Ihr Leben sollt, und zwar in einer, nach anfänglich schmerzlichen Tagen, guten Zukunft!

Ich hoffte Euch dabei von der Ferne begleiten zu können. Leider kam es anders.

Euch allen möchte ich mit diesem Buch danken und gleichzeitig Menschen Mut machen zu leben.

Denn auch nach ganz schrecklichen Ereignissen kann sich jeder, wie ich dieses stets aus eigener Kraft bis zu diesem vermaledeiten Unfall immer wieder bewiesen habe, mit geeigneter Unterstützung, aus jeder noch so schwierigen und misslicher Situation befreien.

Auf diese Unterstützung, vor allem medizinisch und rechtlich, konnte ich leider bisher nicht bauen.

Ja, ich bin gescheitert, jedoch, gescheitert bin ich nicht am Leben!

Eher an der Masse der erlebten Nackenschläge, welche mich seit meinem fünften Lebensjahr trafen, mich immer wieder um Jahre zurückwarfen, von denen ich mich immer wieder erhob, neu und stärker aufgestellt als zuvor zurückkam. Dabei spielten jedoch sowohl gesundheitlich geschuldete Belastungen als auch von Dritten wiederholt verursachte gesetzwidrige Ereignisse, Raub und Brandstiftung eine große Rolle.

Viel zu oft musste ich leider den Eindruck gewinnen, dass ein Fluch auf all meinen Bemühungen lag, oder wie Bekannte sarkastisch meinten, ich würde auch immer bei der Verteilung von Nackenschlägen, hier rufen müssen.

Gescheitert bin ich auch an der unsäglichen Belastung der elterlichen und familiären Erwartungen und permanenten Einforderungen von Dankbarkeit und Verantwortungsübernahme. Am Glauben an meinen breiten Rücken, der allen und jedem als Schutzschild für eigene Verantwortungslosigkeit und Trägheit diente.

Es mag sein, dass ich zu wenig Demut zeigte, meinte ich könnte ein viel zu großes Rad, ohne jegliche Unterstützung drehen.

Doch letztendlich war dieses ausschließlich der Tatsache geschuldet, dass ich regelmäßig durch äußere Einflüsse und aufgrund innerer Verweigerung, eigentlich Verantwortlicher, dazu gezwungen wurde Entscheidungen zu treffen, die eben, zur Vermeidung schwerwiegender wirtschaftlichen Katastrophen, bis zuletzt meinen vollen Einsatz notwendig machten.

Zudem hat unser „Rechtsstaat“ es anderen leicht gemacht mich zu schädigen, da die Politik weder in der Lage, noch gewillt war, seinen Bürgern den Schutz zu gewähren, der den Bürgern dem Gesetz nach, zustehen würde!

Wirklich gescheitert bin ich jedoch nur an den Folgen des Unfalls, die mich seit nunmehr 13 Jahren massiv, mittels Schmerzen, der notwendigen Einnahme von Medikamenten, erheblichen Bewegungseinschränkungen und Sub – Luxationen im Becken- und Wirbelsäulenbereich, belasten.

Gescheitert bin ich auch an den Fehlern von, zig von mir aufgesuchten und um Rat befragten, Ärzten und Krankenhäusern, die nicht die wirklichen Verletzungen erkennen wollten, unter anderem vielleicht auch, weil sie so besser eigenen Pfusch, entstanden bei der Implantation der linken Hüfte im Jahr 2003, vertuschen und alles einem „chronischen Schmerzsyndrom“, von welchem ich bis zu dem Unfall jedoch nichts mitbekommen hatte, unterschieben zu können.

Seit gestern weiß ich, dass bei der Implantation im Jahre 2003, total falsche Einbaupositionen gewählt wurden, die Hüfte und das Pfanneninlay, aufgrund des unverschuldet erlittenen Auffahrunfalls, stark geschädigt und abgelöst wurde und von daher für meine Probleme verantwortlich ist.

Gescheitert bin ich auch an einem Gesellschaftssystem, welches sich selbst als Sozialstaat beschreibt, sich jedoch der gesellschaftspolitischen Verantwortung, sowohl im Gesundheitswesen, im Bereich der Berufsgenossenschaften, im Rechtsbeistands- und Justizwesen, im Sinne eines „Geiz ist geil Prinzip“ entzieht.

Neben meinen eigenen, sicherlich vorhandenen Fehlern, haben jedoch hauptsächlich die den politischen Einsparungen geschuldeten personellen Engpässe im Gesundheitswesen und im Rechtswesen dazu geführt, dass ich auch 13 Jahre nach dem Unfallereignis noch an dessen Folgen laboriere.

Darüber hinaus ist unser Staat, wenn auch in abgeschwächter Form, ein Unrechtsstaat, denn die grundgesetzlich vorgeschriebene „Gleichheit vor dem Gesetz“ ist schlicht und ergreifend so lange nicht gegeben, solange sich Gerichte vor den Karren von Beklagten spannen lassen. Richter die Klägerrechte auf zügige Umsetzung von Verfahren konterkarieren und Beklagtenvertretern unendliche und unbegründete Zeitverzögerungen durchgehen lassen.

Rechtsprechung und Verfahren Jahre bis Jahrzehnte dauern, weil juristische Fallstricke und Gesetzeslücken von Schädigern ausgiebig genutzt werden können bis die Opfer genervt aufgeben.

Viel zu oft musste ich leider den Eindruck gewinnen, dass Gerichte Täter zum Opfer und Opfer zum Täter machten.

Solange Geschädigten nicht die gleichen Möglichkeiten zustehen, wie sie den Beklagtenvertretern, allen voran Versicherungen, zugebilligt werden, so lange muss der Staat Sorge dafür tragen, dass ein entsprechender Gerechtigkeitsausgleich – Chancengerechtigkeit – für die Opfer geschaffen wird.

Dieser müsste, aufgrund der wirtschaftlichen und rechtlichen Übermacht von Versicherungskonzernen und Berufsgenossenschaften, analog zum heutigen Opferrecht bei Sexualstraftaten, in Form der Beweislastumkehr, oder zumindest mittels verstärkter rechtlicher Unterstützung der Opfer, erfolgen.

Vor allem kann es nicht sein, dass ein Opfer sechs und mehr Jahre prozessieren muss, sich dann der eigenen wirtschaftlichen Not, entstanden aus der Weigerung der Versicherungen Einkommens- und Sachschadensausgleichzahlungen vor Verfahrensende zu zahlen, beugen zu müssen, um dann einem für das Opfer inakzeptablen Gütevergleich zuzustimmen.

Ganz offensichtlich herrschen bei uns auch heute noch, oder besser, wieder verstärkt, machiavellische Zustände!

Zusätzlich bedarf es auch einer Änderung der Anwaltsregeln hin zu einer besseren Transparenz derer Qualität, Erfahrungen und erzielter Ergebnisse. Wie sonst, soll es Opfern möglich werden den für seinen Fall geeigneten Rechtsbeistand zu finden. Ganz zu schweigen davon, dass diese Berufsfelder sich der gleichen Wettbewerbssituation zu stellen haben, wie sie für alle anderen Berufsgruppen zutrifft.

Wie Münchhausen, schaffte ich es, mich ein ums andere Mal am eigenen Schopf aus der fremdgesteuerten Misere zu befreien. Doch irgendwann ist auch der tiefste Brunnen an kraftspendendem Lebenselixier geleert. Insbesondere dann, wenn andere, gesundheitliche, wirtschaftliche und private, Gründe, ständige Schmerzen, den schöpferischen Geist so stark belasten, dass an eine belast- und erlebbare Zukunft nicht mehr geglaubt werden kann.

Dieses war in Folge des Unfalls spätestens 2006 und unzählige Male später erreicht, als erkennbar wurde, dass ich erneut Opfer von behördlicher Willkür und Versagen der von mir konsultierten Ärzte und teuer bezahlter Anwälte wurde.

Als mir klar wurde, dass ich in all den Jahrzehnten eine viel zu große Energieleistung vollbracht hatte und nun, durch die körperlichen Beeinträchtigungen zunehmend geschwächt, nicht mehr in der Lage sein würde an dem vorangegangenen auch nur annähernd anknüpfen zu können. Aufgrund der starken Schmerzen und körperlichen Einschränkungen ich gezwungen sein würde, mein Leben mit der Einnahme hochdosierter Schmerzmittel, Opioide, quasi als Junky, zu Ende zu bringen. Abhängig, unwürdig und nicht in der Lage aus eigener Entscheidung sein Leben so zu gestalten, wie ich es mich mein Leben lang mühte.

Ich, der es stets verachtete auf die Hilfe anderer Personen angewiesen zu sein, nie danach fragend was andere für mich tun können, sondern umgekehrt nicht lange fackelte, wenn es denn den Anschein hatte, dass jemand meiner Hilfe bedurfte. Einer, der zupackte, sollte jetzt auf die Gnade und Barmherzigkeit der Gesellschaft angewiesen sein?

Heute weiß ich, dass ich es mir, wie übrigens viele Menschen, mein ganzes Leben lang viel zu schwer machte, weil ich den humanitären Imperativ viel zu einseitig übersetzte. Weil ich stets nur den ersten Teilsatz des biblischen Auftrages, „Liebe deinen Nächsten,…“ als Maßschnur für all mein Handeln akzeptierte, vergaß, dass Gott jedoch im Nachsatz klarmachte, dass Nächstenliebe immer nur möglich ist, wenn der Mensch zur Selbstliebe in der Lage ist, seine eigenen Grenzen kennt und akzeptiert!

Denn, was nützt alle Nächstenliebe, wenn der Betroffene sich mit der Umsetzung dieses Gebots stets in Gefahr begibt sich selbst zu übernehmen und zu schädigen? Dabei vergessend, dass Gott den Menschen, also mich selbst und jeden anderen auch, nach seinem Ebenbild formte. Ich also im Umkehrschluss meiner Bemühungen um Nächstenliebe, Gott selbst strafte, weil ich so wenig auf mich, eins seiner Ebenbilder achtete.

Leider erkannte ich viel zu spät, dass ich mit jeder Schädigung, die ich mir selbst zufügte, ihn bis ins Mark traf. Ob ich das noch einmal gut machen kann, oder ob ich ob meiner ständigen Überforderung, der vielen Versuche aus dem Leben zu scheiden, nicht den Bogen total überspannt, seine Geduld überstrapazierte frage ich mich leider schon viel zu lange.

Habe ich deshalb mein Leben verwirkt, all das, was ich an Gutes zuvorgetan haben mag, damit nicht der Zerstörung anheimgestellt?

Menschen wie mich, die jahrzehntelang sich für andere und die Gesellschaft eingesetzt haben, trifft dieses doppelt hart. Denn neben der Feststellung, dass man jahrzehntelang eine Gesellschaft unterstützte und nunmehr noch zum Opfer derselben gemacht wird, werden, durch die eigenen jahrzehntelangen Verzichte deutlich, herabgesetzt.

Geprägt hat mich die katholische Soziallehre.

Werke von Aristoteles, Thomas von Aquin, Bischof Ketteler, Karl Rahner, Oswald von Nell-Breuning, Niccolo Machiavelli, Emmanuel Kant, doch auch Dietrich Bonhoeffer und andere, haben ein gutes Stück dazu beigetragen, dass ich so wurde, wie ich bin.

Deshalb möchte ich in Erinnerung an letztgenannten großen deutschen Christen mit dieser Reimsammlung beginnen, hoffend darauf, dass diese Sie erfreut.

Herzlichst

Ihr

Gisbert J. Wagner

„Gute Mächte“

Von guten Mächten treu – und – still umgeben,

Behütet und getröstet wunderbar,

so will ich dieser Tage mit Euch leben

Und mit Euch gehen in ein neues Jahr

 

Noch will das alte unsre Herzen quälen,

noch drückt uns böser Tage schwere Last.

Ach Herr, gib unsren aufgescheuchten Seelen,

dass Heil, dass Du für uns bereitet hast.

 

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittren,

des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,

so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern,

aus Deiner guten und geliebten Hand.

 

Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken,

an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,

dann woll´n wir des – Vergangenen – bedenken

und Dir gehört dann unser Leben ganz.

 

Lass warm und still die Kerzen heute flammen,

die Du in unsre Dunkelheit gebracht,

Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen,

wir wissen es, Dein Licht scheint uns – auch in der finstren Nacht.

 

Wenn sich die Stille – nun – tief um uns breitet,

so lass uns hören jenen vollen Klang,

der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,

als Deiner Kinder hoher Lobgesang.

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen,

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Flossenbürg,_Bonhoeffer-Büste

(©Dietrich Bonhoeffer)

„ADIEU“

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Adieu, sag ich dies kleine Wort –
Dreh mich herum und bin dann fort!
Leg ab den Körper Kokon gleich – und all die andern Ding,
mein Geist ist frei – gleich einem Schmetterling.

 

Ohne Bürde, ohne Last flieg ich dahin,
bis ich bei meinem Stern dann bin.
Von dort aus über euch ich wache,
und gemeinsam mit euch lache,
fort ist die Last und fern das Weh,
weshalb ich freudig von euch geh.

 

Befreie euch von meiner Fessel,
und sorg auch noch für volle Kessel,
mein Vorbild hoffe ich dann doch,
zieht euch ganz schnell aus tiefem Loch.
besser ein schrecken volles End,
als das der Schreck find nie ein End!

 

Adieu, sag ich dies kleine Wort –
Dreh mich herum und bin dann fort!

(©G. J. Wagner, Juli 2006)

„RHEINHESSEN“

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Du wunderschöne Region, von Weinbergen und Spargeln nebst Obstbäumen gesegnet, ziehst Du Dich mit deinen kleinen Erhebungen quer durch die Vertiefungen des ehemaligen Eismeers.

Deine Bevölkerung ist, nach anfänglicher Distanziertheit, liebreizender Gastgeber und Freund.

Alt und Jung lieben das Leben, Frohsinn und Traurigkeit finden ihren Ausdruck an vielen dörflichen Festen oder bei tragischen Ereignissen.

Voller Dankbarkeit zeichne ich ein, hoffentlich, so schönes Bild, dass es Menschen gibt, die Interesse haben Dich zu besuchen und deine Erzeugnisse zu genießen.

Auch wenn ich Dich nur sehr kurze Zeit als meine Heimat ansehen durfte, hat mir Landschaft, Kultur und Leute so viel in meinem Leben bedeutet, dass ich gerne bereit war 32 Jahre lang alles zu tun um den Menschen vor Ort Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, mich mit allen Sinnen in die Gemeinschaft der „Rhoihesse“ einzubringen.

Ich erinnere mich gerne an viele Stunden vereinsseitiger Feste, Feuerwehr, DRK, Kirche, Gemeinde, Verbandsgemeinde, Kreis, Innungen, gaben mir immer das Gefühl ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein.
Gern und dankbar nahm man meine Bereitschaft an, mich in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.

Oft hämisch belächelt oder unter lautem Gegröle, Hinkebein oder Krüppel rufend, wenn ich wegen einer Gehbehinderung, als Sanitäter mit der Trage beladen, hinkend auf den Sportplatz, oder an den Unfallort rannte um einem Verletzten wieder auf die Beine zu helfen.

Ganz oft durfte ich Dankbarkeit erleben, wenn uns anlässlich dörflicher Feste mit der Essensverpflegung aus der Gulaschkanone – mehrere umgenutzte ehemalige Wasch-/Wurstkessel – wieder einmal das Kunststück gelungen war den Gaumen der Gäste zu beeindrucken.

Gerne habe ich mich immer wieder der kommenden Herausforderungen gestellt.

Denn ist dieses nicht das, was der Sinn des Lebens ausmacht, an seinen Herausforderungen zu wachsen und zu reifen?

Und wie oft durfte ich miterleben wie meine realistisch geschminkten Unfallopfer, nach Abschluss der von mir geleiteten Erst-, Sanitäts- oder Feuerwehrhelfer- Ausbildungen, den Teilnehmern Kopfschmerzen ob der erkennbaren Verletzungen, oder gar Bauchgrimmen von der Wirkung der Bilder verursachten. Reger Disput darüber entstand was gerade noch statthaft war, ich aber im Verlauf der Zeit regelmäßig nach, von ehemaligen Schulungsteilnehmern erlebten, Unfällen darauf angesprochen wurde, wie sehr die plastischen Erlebnisse der Abschlussprüfung diesen beim realen Ersthelfereinsatz über die Wucht der Unfalleindrücke und bei der Erinnerung an die richtigen Hilfestellungen, hinweggeholfen haben.

Einige Tausend Personen durchliefen in den knapp 25 Jahren meiner Tätigkeit diese Ausbildungen, waren dankbar dafür mittels anschaulichem Unterricht auf mögliche Einsätze vorbereitet zu werden.

Auch durfte ich dankbar erfahren das man meiner Aussagen, Lesungen, öffentlichen Bekundungen, Gratulationskuren bei Festkommersen, Geburtstagen oder sonstigen Ehrungen, harrte, wenn sich merkliche Stille nach meinem Betreten der Bühne einstellte.
Diese Anerkennung habe ich mit sehr großer Dankbarkeit registriert, zeigte diese mir doch, dass ich mein Leben authentisch lebte und auch so von meinen Mitbürgern wahrgenommen wurde.

Die Feldprozessionen im Mai, gingen mit musikalischer Untermalung der Kirchenmusik dahin und Flur und Volk fand seinen reichen Segen.

Besonders schön war der Fronleichnamstag.

Tags zuvor wurde der Ort herausgeputzt.
Frische Reisige wurden geschlagen und entlang des Prozessionsweges genauso verteilt wie frisch gemähtes Gras. So manches unschöne Eck wurde von Birkenreisig verdeckt, überall an den Gebetspunkten wurden von den Anliegern Altäre aufgebaut. Überall roch es nach frisch geschlagenem Reisig und frisch gemähtem Gras. Die Altäre wurden festlich geschmückt und jeder Altar war ein Unikat, errichtet aus den Devotionalien der verantwortlichen Anlieger, welche sonst in Herrgottswinkeln ihren Zweck verrichteten. Blumen wurden kurz vor der Messe auf dem grünen Teppich sowie auf den Altären verstreut. Die Kinder aus Kindergarten und Schule fanden sich beim Küster „Mauer“ ein und jedes erhielt ein Fähnchen von diesem allseits geschätzten, freundlichen und gutmütigen, rotwangigen und liebenswerten Rheinhessen.

Und nach der Prozession tobte der Jugendlichen Bär. Ortsteil gegen Ortsteil versuchten die Jugendlichen, aus dem Frankreich und dem England, Geländegewinne zu erzielen und die, aus den Prozessionsresten – Birken- und anderer Reisig, nebst gesammeltem Gras – hergestellten Bandenbunker zu zerstören. Manche Schwarte, geschlagen von Holzschwerten, und manch aufgestürztes Knie musste versorgt werden. Doch am Ende war alles nur buntes Spiel und Gaudi. Spätestens tags darauf waren alle wieder gut Freund miteinander.

Die kirchlichen Feiertage wurden in diesem, zu fast 100 Prozent von Katholiken bewohnten, Ort besonders ausgiebig gewürdigt.

Doch auch die bürgerlichen Feste, wie Fastnacht, Frühlings- und Hauptkerb wurden lebendig gefeiert.

Besonders gerne erinnere ich mich an den moschusartigen Duft der Weinberge, der Trestern (Traubenhülle), wenn ab Mitte September die Weinlese anstand. Winzer mit Mann und Maus ab in die Weinberge gingen um die reifen Trauben zu lesen.

Gemütlich war die Zeit, als diese Lese noch von Hand vor sich ging und man mit Kind und Kegel, sich regelmäßig zu den Vespern, an Traktor und Rolle zur Ruhe niederließ um sich die hausgemachten Leckereien, den ein oder anderen Schoppen münden zu lassen.
Auch wenn die Arbeit schwer war, insbesondere, wenn Regen den Boden im steilen Wissberg rutschig machte und man bis zu den Knöcheln im Letten versank, tat dies der guten Laune und dem Arbeitseifer keinen Abbruch.

Besonders wir Kinder freuten uns das ganze Jahr auf diese Zeit, in welcher wir – ob ansonsten fehlender Taschengeldzahlungen – endlich einmal Gelegenheit fanden uns anschließend manch kleinere, oder, in Abhängigkeit unseres Einsatzes, auch manche größere Anschaffung, oder Geldeinzahlungen anlässlich der Sparwochen der Einheimischen Bank, leisten zu können.

Und so fanden die zwei Wochen Herbstferien eine sinnvolle Beschäftigung für Mann und Maus.

Manch schönes Lied war dann rund um den Wissberg zu hören, während Rappen um Rappen den Weg in den Eimer fanden, nur unterbrochen von den Böllerschüssen der Weinbergshut, dem Gezwitscher der Vögel, die sich nach den Schüssen der Weinbergshüter auf und davon machten und dem überall hörbaren Gelächter der Leserschar.

Wenn des Abends die Kirchenglocken zur „Vesper“, dem Abendgebet, riefen, wurden schnell noch einmal die Bütt und die Eimer gefüllt, deren Eimer in die Bütt geleert, aufgeräumt, und ab ging die fröhliche Traktorfahrt.

Eng an eng um die, in einer Wanne (Bütte) gesammelten Trauben, auf der Rolle stehend, wurde gesungen, geschunkelt und gelacht, bis man vor des Winzers Haus stand.
Manch eine/r der „Leserinnen/Leser“, konnte sich dank ausgiebig genossener Weine und Schnäpse kaum noch auf den Beinen halten. Kaum verständliche Kommunikation, oder gar herausfordernde Mimik, führten zu lauten Lachsalven und großem Hallo.
Und immer erfuhr man dann am Abend, beim Abladen der Trauben im Keller, sehr viel Neues.
All das was die letzten Tage und Wochen, oder im letzten Jahr, so geschehen war machte dort seine Runde.

Bei guter Ernte wurde viel gelacht, Dürre oder Hagelschäden wurden zumeist mit großem Schweigen und mit größerem Weinzuspruch, betrauert.

Viele schöne Abende folgten nach der Lese, indem in der Winzergenossenschaft zum Tanz aufgefordert wurde, oder man sich nach Abschluss der Arbeiten, beim ein oder anderen Winzer, zu Federweisen und Hausmacher Worscht traf um bis tief in die Nacht hinein die Gesellschaft zu teilen.

Die Nachlese, das rheinhessische „Après Ski“, war so immer die schönste Zeit des Jahres.

Noch gut erinnere ich mich an die Zeit als ich das erste Mal im Kreise der Kirchenmusik den Jahresausklang erlebte. Ganze 13 Jahre alt, mit fünf Mark in der Tasche, hatte ich mich auf den Weg in die Musikstunde gemacht, nicht daran denkend, dass der Jahresabschluss des Vereins anstand.

Die Musikstunde für die Jugend war vorbei und die älteren Mitglieder des Orchesters kamen, setzten sich an die vorbereiteten Tische und das Vereinsjahr passierte Revue.
Und natürlich ging es nicht, dass wir Jungen uns nach der Probe verdrückten.
Die älteren Mitglieder sprachen uns direkt an, zogen uns auf den nächsten freien Platz und sofort war man Mitglied dieser Gemeinschaft, die aus deutlich, viele um die 30er herum – andere deutlich darüber, älteren Männern bestand.
Die neuen Termine waren kaum besprochen als schon der erste Troll Schoppen – etwa halbe, halbe trockener Weißwein und Mineralwasser, welcher immer vom vorletzten Trinker bezahlt werden musste – auf die Runde ging.
Und wie´s der Teufel wollte war der Schoppen kaum an mir vorbei, war er schon leer. Mir rutschte das Herz in der Hose, da ich jetzt den Schoppen bezahlen durfte und so dachte ich mir, angesichts des verfügbaren Guthabens in meiner Tasche, an mir kommt kein Schoppen mehr vorbei der vom Nachbarn leergetrunken werden kann.

Im Wissen des großen Stehvermögens meines Nachbarn, wusste ich, dass der Schoppen mindestens noch zu zwei Dritteln gefüllt sein musste, bevor ich diesen an meinen Sitznachbarn weitergeben durfte.

Das Ergebnis meiner Überlegung kann sich jeder vorstellen.

Deutlich angetrunken habe ich dann nach dem vierten oder fünften auf „ex“ getrunkenen Schoppen, unter großem Hallo, Fersengeld gegeben.

Die schmalen Gässchen waren plötzlich viel zu eng und manch eine Straßenecke zierte anschließend meine unschöne Hinterlassenschaft.

Zu Hause durfte ich mir dann, keiner Schuld bewusst – da ich doch nur vermieden hatte Schulden zu hinterlassen – eine Mordspredigt anhören.

Immerhin wusste ich dann aber, dass ich ab diesem Zeitpunkt diese letzte Probe im Jahr würde ausfallen lassen müssen.

Auch sonst wurden wir Jungen damals mehr und mehr mit dem richtigen Leben konfrontiert. Kaum war die Probe zu Ende, wurde überlegt was „man“ als Mann an diesem freien Abend so alles Unternehmen könne.

Schnell hieß es, komm, lass uns noch ein wenig in die Stadt fahren. Und so endeten diese Fahrten dann allzu oft für uns, noch Minderjährige, mit dem Besuch der Capri Bar, der roten Laterne oder beim Onkel Willi.

Nur gut, dass man uns, ob der heruntergedimmten Lichter wegen, unsere erste Verlegenheit und später, manche anderen Körperreaktionen, nicht anmerken konnte.

Lachen mussten wir stets, wenn wir, voll des Übermuts, auf dem Nachhauseweg etwas lauter wurden und von dem heimgebrachten jungen Ehemann schnell angefahren wurden doch bitte etwas leiser zu sein, da dieser ansonsten in schwere Erklärungsnöte geraten konnte.

Regelmäßig an Fastnacht durfte ich dann, ob meiner „Erfahrung“ in der schwarzen Doppelelf des Nachbarortes, die Sitzung der Kirchenmusik „bereichern“.

Dieses war zumeist doppelter Stress, denn parallel zu besagter Sitzung fand im Nachbarschaftsverein die Abschlusssitzung der Schwarzen Doppelelf statt. Da ich dort auch im Komitee saß, musste ich dann mehrmals am Abend hin und her pendeln, schaffte es oft genug gerade so zu meinem dortigen Vortrag wieder zurück zu kommen.

Manch Einzelvortrag kam so zur Geltung und besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Zwiegespräch mit meinem jüngeren Bruder, von dem die Besucher der Veranstaltung so angetan waren, dass aus einem Büttenvortrag von vielleicht 10 Minuten Länge über eine halbe Stunde Vortragszeit, immer wieder unterbrochen von den Lachsalven der Besucher, wurden.

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Leidtragende dabei war jedoch die kurz vor der Pause nachfolgende Programmnummer, welche aufgrund unseres „großen Erfolgs“, leider vollständig unterging.

Leider hatten wir bei der Generalprobe wohl zu sehr die Erwartungen der Anwesenden nach unten geschraubt.

Dieses war leider unumgänglich, da ich selbst bis kurz vor dieser Probe noch an der Bearbeitung gesessen hatte und zuvor noch vollumfänglich eingebunden war an der Einarbeitung meiner Einzelvorträge, also nicht dazu gekommen war die Probe entsprechend vorzubereiten.

So hat es mich besonders betroffen gemacht, dass die nachfolgende Interpretin zornentbrannt mich und die Veranstalter ob eines solchen Schwachsinns von Programmgestaltung attackierte.

Das war Rheinhessischer Frohsinn und Lebensfreude pur und echte Verbundenheit, oder Gemeinschaft eben.

„VON FELD UND REBEN I“

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Von Feld und Reben, herrlich bist umgeben
Du liegst im Tale – breit und schön verteilt
im Norden sich des Wissberg´s Höhen – sanft erheben
auf dessen Reben – lang – die Tagessonn´ verweilt

 

Wo in der Eiszeit – tummelten sich Haie,
erlosch´ner Fische Zähne – konntest finden lang
erhaben sich die Spitz, auf 250m/N.N., uns zeigt,
weil, Deiner Reben Minderheit, uns deren Güte nie verzeiht
wird es mir heute – Angst und Bang

 

 

Mit Deinen schönen Weinbergslagen
Kapelle, Saukopf, Goldberg, Bockshaut und so fort
dran ranken sich die schönsten Sagen
die schön beschreiben diesen – unsren – Ort

 

So manches Lied wurd´ hier geschrieben
so manches Leid wurd´ hier gesehn
gar mancher ist – in Dir geblieben,
weil Erdrutsche – hier – stets geschehn

 

Auch vieles Schönes gab es zu berichten
was Land und Leute hier „verbockt“
um diesen Ort ranken – Jahrhunderte Alter – Geschichten
und zeigen auf – sich – auch gar mancher hat verzockt

 

Die Abende, nach schwerer – körperlicher – Fron
noch fertig – stark von Arbeit schwitzend
genoss man vor dem Tore sitzend
‚nen schönen Riesling, Faber, Scheureb, Saukopf in der Hand
weshalb ganz schnell des Dorfs Geselligkeit man fand,
wenn sand’t St. Martin, – sein Angelus uns – der Glocken Ton

 

Des Sonntags sich die Alten trafen
zum Skat oder die Würfel warfen
manch Neues machte seine Rund
geschlossen ward auch mancher Bund
war‘n in die Winzerhalle wir geraten
während zu Haus die Frauen tagten
Kaffee und Kuchen machten schön die Rund
ward es den „Männern schnell zu bunt

 

Und starb ein Beckelemer – einst – in seinem lieben Haus
kam schnell der Schäcke, Neckl mit soim Max
zog unweit er – der Großeltern – ihr’m Hause
die Totenkutsche uff die Gass
sollt putzen helfen diesen schwarzen Wagen
ach hab´ ich dies Prozedere gehasst

 

Sitzend unterm Apfelbäumchen
genieß ich still mein Goldberg Träumchen
Opa in unsrer Mitte steht,
derweil- der Kirchtum Schlag – herüberweht

 

Mit dem Glase in der Hand
lud’t ein er – wer sich hier befand
im Kreis um ihn – gesellt sich froh
grad wie Jahrhunderte schon so
der bunten Leser- Helferschar,
die sich hier traf – wie jedes Jahr.

 

Aufgetischt, wurd´ nur vom Besten
edler Rheinhess, aus eig´nem Fass
von eigner Wutz, sonst nur zu Festen
aß und trank man – an des Wingerts Gass

 

Und kam ein Wandrer -Weinbergschütz – ein Irgendwer
vorbei an der ill-ust-ren Tafel
dann hieß es einfach, setzt Dich her
greife zu – und stopf den Schnabel,
dass was hier steht, dass reicht für mehr

 

Gesungen wurd aus voller Kehle
geschunkelt auch – und viel getanzt
auch gab es sehr viel – zu erzählen
so es denn zuließ – unser – voller Wanst

 

Aus voller Kehle wir dann sangen
das schönste – unsrer Heimat – Lied
vor Kälte, Wein die Wangen brannten
schön war’s – grad – wie ein jeder sieht

 

(©G. J. Wagner, 03.02.2018)

„GAU – BICKELHEIMER LIED“

1. Am Wissbachstrand ein Dörfchen liegt – Gau-Bickelheim –
Ein muntres Leben in sich birgt – das kommt vom Wein.
Da ist die Stimmung immer gut – bei Groß und Klein
das Bier gibt uns nur wenig Mut, nur unser Wein der tut uns fein.
Gau-Bickelheim – Du – Perle von Rheinhessen,
Gau-Bickelheim – wie lieb ich Dich so sehr.
:Wer Dich geseh´n – ist ganz von Dir besessen
Und trinkt das nächste Mal bestimmt noch mehr!:

2. Und in dem Dorf – ‚ne Einigkeit – dass man nur staunt.
Drum ist man immer froh hier – und – stets gut gelaunt.
Da singt und schunkelt man – vereint beim gold‘nen Wein.
Mitunter auch – bis in die tiefe Nacht hinein.
Gau-Bickelheim – Du – Perle von Rheinhessen,
Gau-Bickelheim – wie lieb ich Dich so sehr.
:Wer Dich geseh´n – ist ganz von Dir besessen
Und trinkt das nächste Mal bestimmt noch mehr!:

3. Doch mancher hat auch schon verspürt – des Weines herbe Kraft.
Weil er hat ausprobiert – zu oft – der edlen Reben Saft.
Nach Hause fand er schwer den Weg – beim Dämmerschein.
Die Straß´ – die er sonst nie verfehlt – ist heut zu klein.
Gau-Bickelheim – Du – Perle von Rheinhessen,
Gau-Bickelheim – wie lieb ich Dich so sehr.
:Wer Dich gesehn – ist ganz von Dir besessen
Und trinkt das nächste Mal bestimmt noch mehr!:

4. So ist es schon von alters her – jahraus – jahrein.
Und keinem fällt’s besonders schwer – so muss es sein.
Die Sorg lässt gern zu Haus – man trinkt den Wein.
Und jeder denkt – es gibt nur ein Gau-Bickelheim.
Gau-Bickelheim – Du – Perle von Rheinhessen,
Gau-Bickelheim – wie lieb ich Dich so sehr.
:Wer Dich gesehn – ist ganz von Dir besessen
Und trinkt das nächste Mal bestimmt noch mehr!:
(angelehnt an Franz Josef Spang; Mel.: Mein liebes Mainz)“

„VON FELD UND REBEN II“

Suchst heute Du – solch – schönes Leben
zeigt Dir auch hier – die Realität – recht schnell
solch Zeiten Lauf suchst – heute – Du vergebens,
weil auch der Winzer heut ist „time is money‘s“ G’sell

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Gen Süden steigt Rheinhessisch Hügelland erhaben,
zum Schwarzenberg erhebt das Hügelland sich sanft
An Felder Ernte hier – Du – konns‘t Dich laben
Und stopfen Dir mit Wollust Leib und Wanst

 

 

Bei Wind dreht heut – dort – manches Windrad Blatt
weit über Wissberg’s Spitz – zum Himmel – steigen hoch sie auf
produzieren so – zu unpassenden Stunden – ein oder’s andre Megawatt
wie lang wird dieser Asparagus Segen
den Anlegern die Taschen füll’n – Mammon geben
bis neue Technik – doch auch Metalles – steter Lauf
oder gar neuere Gesetze – die Goldesel wohl bremsen aus
Rückbau wird vielen dann zu teuer – und Rost frisst wohl die Spargel auf?

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Da fällt mir ein – ein – „Spruch der Cree-Indian“
„Erst wenn der letzte Baum gefällt
und betoniert ist alles Land
der letzte Fluss vergiftet dann
der letzte Fisch gefang‘n – ‚s letzte Wild – gebannt
hoff‘ nicht, dass müssen wir erkennen,
dass man sein Geld nicht essen kann“

Von Ferne winkt – der Kreuzkapelle Stille
Verkündet weit hinaus – ins ferne – Land
Das dieser Ort entstand durch Gottes Wille
und seine Kirch stets hehre Heimstatt fand

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Ihr Glöcklein läutet – nur an hohen Tagen
sonst trägt Martinus – Glockentöne – weit hinaus sie – in das Land
wer an Gott glaubt, der kann hier sein Leben wagen
wer nicht, der hat vielleicht gebaut auf Sand

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Durch diesen Ort fließt sanft und still
des Wiesbachs Wasserlauf dahin
die Kreuzkapell – von fern – kommt schnell in deinen Sinn
der Menschen Sicherheit – Nepomuk stets gerne – uns – gewähren will

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Wie oft hab Opa – ich wohl – einst begleitet
strich sanft mir über Wang und Haupt
des Montags früh und in der Woch,
wenn er zum Wiegehäuschen uns geleitet
Wutz – Kalb – und Rind wurd – dann gewogen,
weil er – sein‘ 10er Stumpen – hat geraucht
ha’m wir am Schwanz sie rausgezogen
auch wenn am End – wir – streng geroch‘

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Hat Opa mir dereinst versprochen

komm ich gesund und heil zurück

und noch dazu in einem Stück,

so schenkt er mir, weil´s guter Brauch

und gut für meine Muskeln auch

ein Pony nur für mich daheim

dann bist du nicht mehr ganz allein.

Hast Dein Versprechen nicht gebrochen

auch wenn ich solch ein Pony niemals hab gemeint

und höllisch hab an Deinem Grab um Dich geweint

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Von Feld und Reben – gar – herrlich bist umgeben
Du liegst im Tale – breit und schön verteilt
im Norden sich des Wissberg´s Höhen – sanft erheben
auf dessen Reben – lang – die Tagessonn´ verweilt

In Dir einst meine Wieg – im Haus von Opa Willi – stand
jahrzehntelang durft – Anerkennung, Unglück, Freude,

doch auch Glück – erleben
hab auch gesehen hier – viel tausend schöne Stund’t

gered’t hab selten ich – nach Eurem Mund

und weil ich hier wohl meine – schönste -Heimstatt fand‘
möchte gern mit Euch mein Glas erheben

und gern den wahren Trinkspruch rufen aus

Im Leben habe viel gewonnen –

jedoch wohl auch zu viel gewagt

verlasse ich – jedoch wie jeder hier

– dereinst mein Haus,

weil Zeit zu geh´n ist angesagt
trägt mit den Füßen „first“

– man mich hinaus

zu viel ist – hier – mit mir gescheh´n
weshalb den Blick auf

– meine leere Hülle Euch verwehr

und ich auch niemals Wiederkehr.

 

Der Blick zurück soll nur enthalten

– das Gute – welches wir dereinst erlebt

nicht dieses Trugbild welches heut – als Unfallfolg

– vielleicht vor unsrer aller Augen schwebt

deshalb den letzten Gang werd’t’ hier nicht gehen
und auch nicht ruhen – hier

– in dieser ach so schönen Erd´

bin doch dereinst ganz still gekommen

werd von der Erde so

– wohl auch genommen

kein Mensch dann weiß

– wo meine Grabstatt steht

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(©G. J. Wagner, 03.02.2018)

„Morgenröte – der Himmel lacht“

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Schön geträumt, nach guter Nacht

danke Herr für deine Güte

bin erfrischt ich aufgewacht

nach langem Schlaf von Deiner Engel Schar behütet

schau ich nun auf, zum Himmel hoch empor

Lächeln umspielt zart mein Gesicht

Morgenröte in ihrer herzlichsten Bravour

rot gülden steht am Firmament der Sonne Gicht

Tief einatmend tanke ich auf Deinen Odem

Herr lass den Tag sein – gut – wie meine Nacht

breit schützend Deiner Cherubim Schwingen

über uns aus – gib gut auf uns acht

zum Dank wir Deine Größe und Güte besingen

Du bist uns Alpha als auch Omega

wer auf Dich baut, der geht doch nie verloren

von Anbeginn der Welt bist für uns da

und doch hat mancher einer – sich gegen Dich verschworen

Der Tag kann kommen Herr, ich bin bereit

und solltest Du in deiner Güte Dich besinnen

zu rufen mich – da’s Ende ist so weit

Dann geh ich gern – ich kann doch nur gewinnen

(©G.J.Wagner, Mai 2016)

„IM FRÜHLING DES LEBENS“

11.00 Uhr, die Sonne näherte sich an diesem ersten August ihrem Zenit, als der blutjunge Vater am Fenster des elterlichen Schlafzimmers stehend dem soeben vorbeieilendenden Dorfpfarrer freudestrahlend zurief „Ein Kind ward uns geboren, ein Sohn uns geschenkt – Mutter und Sohn sind wohlauf“.

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Der Pfarrer, unversehens die Richtung ändernd, betrat das Heim des jungen Paares, rannte die Stiege empor und erstürmte das Wöchnerinnenzimmer, der unter seinem besonderen Schutz stehenden aktiven Gemeindemitglieder.
Die sichtlich erschöpfte Jungmutter hatte gerade noch Zeit ihre Blöße zu bedecken und leichte Wangenröte ließ erkennen, dass ihr der so frühe Besuch doch ziemlich unschicklich vorkam.
Pfarrer Schuhmacher entschuldigte sich für seine Ungeduld damit, dass er doch so gerne der Erste sei, welcher den neuen Erdenbürger begrüßen, segnen und seinen beiden Freunden herzlichen Glück- und Segenswünsche überbringen wolle.
Daraufhin setzte er sich auf das Wöchnerinnenbett, nahm die junge Mutter, Ella, in den Arm drückte und herzte sie, ihr alles Glück der Welt wünschend, und um sich gemeinsam mit der jungen Familie über die Geburt des Erstgeborenen zu freuen.
Danach nahm er den jungen Vater, Kurt, in die Arme drückte ihn herzlich, wünschte ihm und seiner jungen Familie alles erdenklich Gute und verlangte nach dem neuen Erdenbürger, der wie er bereits wusste Gèrarde Jácob heißen würde.
Kurt versuchte ihn davon abzuhalten, indem er ihm erklärte der Junge sei noch nicht gebadet, doch mit einem „Papperlapapp“ beendete Pfarrer Schuhmacher die Diskussion und nahm den kleinen Mann aus den Armen der Hebamme Zohn auf seine starken Arme, während er seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse mit den jungen Eltern Revue passieren ließ.
Seit seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1945 kannte er Vater und Mutter. Beide arbeiteten sehr engagiert in der katholischen Jugendbewegung des heimischen Dekanats mit. Er hatte die Verlobung keine vier Jahre zuvor genauso erlebt wie die Hochzeit der Beiden im Mai des Vorjahres.

Ja, diese Beiden würden diesem kleinen Erdenbürger eine gute Basis für seine Zukunft geben können.
So viel war sicher?!

Beruhigt stellte er fest, dass der Kleine sich bereits fest seines kleinen Fingers bemächtigt hatte. „Hoffentlich“, so dachte er, „kann ich dich ein gutes Stück deines Weges begleiten und dir und deinen Eltern auch weiterhin ein guter Freund sein, das bin ich deinen Eltern, aber auch mir selbst schuldig“!
Er segnete den Jungen und gab ihn schweren Herzens an die Hebamme zurück. Danach verabschiedete er sich von den Anwesenden, beglückwünschte die zwischenzeitlich eingetroffenen Großeltern zur Geburt ihres dritten Enkelkindes, nahm seinen zuvor gewählten Weg wieder auf und eilte, zum Angelus – dem mittäglichen Stundengebet der katholischen Kirche – zurück in die nahe Kirche.
Alsbald waren die freudigen Gedanken von den Sorgen und Nöten eines Priesters damaliger Zeit und insbesondere mit seinen speziellen Problemen überlagert.

Seit einiger Zeit hatte er mit angeblich entnazifizierten, alteingesessenen Mitbürgern seiner Pfarrei erhebliche Probleme. Diese versuchten ihn mundtot zu machen, um zu verhindern, dass er in seinen Predigten auf deren Verstrickungen in die Machenschaften der Nazis, der Judenvertreibung und Aneignung derer Vermögensnachlässe, die Einsperrung ehemaliger unliebsamer Mitbürger ins KZ Osthofen, inklusive der eigenen Person, hinwies. Er war ihnen mit seinen ständigen Ermahnungen nach Reue ein Dorn, in dem nach außen strahlend, -rechtstaatlichen Auge- geworden, also musste er weg.
Auch seine ständigen Rückfragen nach dem Verbleib der vertriebenen Familien, nach dem Umgang mit deren früherem Eigentum erschwerte die fast tägliche Begegnung, zumal einige der vormaligen Nazi-, Gemeinde-, und Gau-Größen jetzt auch mit Macht in die aktuelle Gemeinde- und Kirchenpolitik drängten. Einige dieser ehemaligen Nazigrößen hatten zwischenzeitlich schon wieder politische Verantwortung als Bürgermeister, Parteivorsitzende, im Kreis- und Bezirksverband oder in berufsständischen Organisationen übernommen und versuchten mit allen Mitteln zu verhindern das deren Verfehlungen der Nazizeit in den Mittelpunkt der Tagespolitik rücken würden.
Klar, dass er mit seinen ständigen Ermahnungen störte, ja zur persönlichen Gefährdung für diese wurde und so war es denn auch nicht verwunderlich, dass man ihm versuchte klarzumachen, dass er seinen Mund zu halten hatte, oder aber man Wege finden würde ihn aus seiner Gemeinde zu vertreiben.
Zwischenzeitlich hatte ihm auch das bischöfliche Ordinariat klargemacht, dass er sich um eine neue Pfarre kümmern müsse, da gewisse Leute auf seine Abberufung drängen würden und man sonst nicht umhin käme ihm die jetzige Pfarrstelle zu entziehen.

Dieses bedeutete das er die junge Familie und den kleinen Buben nicht in deren Entwicklung so begleiten würde können wie er dieses immer gewollte hatte.

„Doch“, er hieb auf den Tisch der zwischenzeitlich erreichten Sakristei, „ich werde alles in meiner Macht stehende tun um so oft als möglich mit meinen Freunden und diesem kleinen Jungen zusammen sein zu können, egal wohin man mich auch versetzen wird!
Ich will, und werde für die drei da sein und werde den Teufel tun diesen Nazischweinen kampflos den Platz zu räumen“. „Jeder soll wissen wie stark diese Leute in die Machenschaften des Hitlerregimes verwickelt waren“, auch wenn das das letzte war was er tun konnte bevor ihn sein Bischof dann strafversetzen würde.

Seit seiner Inhaftierung in das Konzentrationslager Osthofen des Jahres 1943 und der dabei erfahrenen Verhaltensmuster seines Oberen war ihm klar, dass er in besagter Angelegenheit keinerlei Unterstützung von dieser Seite erwarten konnte.

„War die Kirche der Nazizeit nicht selbst ein enger Unterstützer der politischen Praktiken dieser Zeit gewesen“, so musste man sich die Frage stellen, wenn man das Verhalten der Obrigkeit einschließlich des damaligen Papstes rückblickend analysierte? Doch was nützte das alles, dachte er bei sich, am Ende würde er sich seiner Obrigkeit beugen müssen und da war es dann doch das Beste von sich aus nach einer anderen Pfarrei Ausschau zu halten. Jedoch würde er wissen die verbleibende Zeit so wirkungsvoll als möglich zu nutzen um die unbelehrbaren Mittäter zur schieren Verzweiflung zu bringen.

So vergingen Tage und Wochen mit fast täglichen Besuchen bei seinen Freunden anlässlich derer er sich regelmäßig über die Fortschritte des kleinen Gèrarde Jácob ein eigenes Bild machen konnte.

Zwischenzeitlich blickte dieser mit interessierten hellblauen Augen in die Runde. Er wusste, dass Gèrarde Jácob sich immer freute, wenn er ihm an dessen Hals blies und dass dieser stets darauf wartete von ihm, Rücken und Kopf gut gestützt, ein paar Mal um die eigene Achse des Pfarrers gedreht zu werden. Voller Zufriedenheit und regelmäßiger Gänsehaut realisierte der Pastor die lustigen und zufriedenen Gluckse seines jüngsten Schäfleins, ausgelöst durch einen Überschwang von Zufriedenheit und Lebensfreude.
Da sich das Ereignis der Kindstaufe mit riesigen Schritten näherte, kreisten seine täglichen Gespräche immer wieder um dieses Ereignis das der Pfarrer entgegen der ausdrücklichen Wünsche der jungen Eltern fest in den Sonntagsgottesdienst der Gemeinde eingeplant hatte.
So lächelte er still in sich hinein, wenn er an die geplante Überraschung der jungen Eltern, die Teilnahme verschiedener Jugendgruppen des Dekanats sowie die Konzelebration der hlg. Messe mit seinen Mitbrüdern des Dekanats dachte.
Ihm war klar das von vielen dieser Aufwand für eine Kindstaufe als viel zu umfangreich angesehen werden würde, gleichzeitig vertraute er auf das Verständnis seiner Gemeinde, wenn diese erfuhr, dass er diesen kirchlichen Akt gerne dazu nutzen wollte um mit der Aufnahme eines neuen Kirchenmitglieds seinen Abschied von der Gemeinde zu zelebrieren. Dass dieses Ereignis gleichzeitig einer seiner letzten Aufgaben in dieser Gemeinde darstellte war ihm bewusst seit vor ein paar Tagen ein Schreiben des Bischofs seine Versetzung in eine weit abgelegene Pfarrei bestätigte. Die von ihm organisierte Tauffeier würde gleichzeitig seine Farewell Party sein. Eine zweite würde es nicht geben.

Nach der Taufe des kleinen Gèrarde Jácob blieben ihm noch wenige Wochen um seine Freunde und die Gemeinde von seiner baldigen Versetzung zu informieren. Gleichzeitig blieb ihm damit noch etwas Zeit sich um den kleinen Racker zu beschäftigen und so viel als möglich Zeit mit diesem zu verbringen.

Der kleine Bengel machte es ihm schmerzlich bewusst wie gerne er selbst eine eigene Familie gehabt hätte, auch wenn er seine Entscheidung ein zölibatäres Leben im Dienst der Kirche zu führen bis heute noch nicht bereute. Doch so manches Mal wurde ihm seine schmerzliche Einsamkeit vor Augen geführt. Immer dann, wenn er mit Ella, Kurt und dem Jungen, oder anderen jungen Familien beisammen saß wurde er schmerzlich an seine Einsamkeit erinnert, gleichzeitig machte er sich dankbar der Freundschaft mit seinen Gemeindemitgliedern bewusst.
Der Junge hatte mittlerweile lange blonde Locken und sah in seinem schwarzen Seidenanzug mit den weißen Kragen einfach süß aus. Da Ella sich auf´s Schneidern verstand war es kein Wunder, dass sie versuchte dem Kleinen immer wieder schöne Kleidung, selbst aus alten längst abgelegten Alltagsgegenständen, zu zaubern. Seine Aufgewecktheit wurde durch die ständige Aktivität seiner strahlend blauen Augen dokumentiert.
„Der wird seinen Weg machen“, waren immer wieder seine Gedanken ehe er Kurt und Ella, über seinen baldigen Abschied informierte. Die Beiden konnten ihre Betroffenheit und ihren Schmerz über den bevorstehenden Abschied nicht verheimlichen. Sie konnten nicht verstehen warum ein, in seiner Pfarrei allseits beliebter und honoriger, Pfarrer in eine neue Pfarre, einige hundert Kilometer entfernt, versetzt werden sollte. So konnten schließlich alle drei ihre Tränen nicht mehr zurückhalten als es dranging, wie immer zum Abschied, das Angelus zu beten.
Die Betroffenheit der Gemeindemitglieder über die Versetzungsmitteilung, die Pfarrer Schuhmacher im Rahmen seiner Sonntagspredigt öffentlich machte, war riesig. So wurde dann die Tauffeier von der ganzen Pfarrei Rege zum Anlass genommen um noch einmal gemeinsam ein schönes Fest zu feiern.
Als der Tag des Abschieds kam traf man sich auf Einladung der Dekanatsjugendverbände um Pfarrer Schuhmacher feierlich ein Stück seines neuen Weges zu begleiten. Anlässlich der privaten Verabschiedung versprachen sich Pfarrer Schuhmacher, Ella und Kurt regelmäßig voneinander hören zu lassen, insbesondere sich über die Entwicklung des kleinen Erdenbürgers auf dem Laufenden zu halten.
Man ging auseinander und in Folge der Hektik des Alltags gingen leider alle guten Vorsätze dahin. So vergingen Jahrzehnte bis man sich wiedersah.

Es war Spätherbst als die alten Nazigrößen die Erfüllung ihrer sehnsüchtigen Wünsche feiern konnten. Doch die Jahre würden zeigen, dass mit der Versetzung des sie belastenden Pfarrers längst nicht alle Sünden der Vergangenheit beseitigt, geschweige denn gesühnt waren.
Das folgende Weihnachtsfest feierte die gesamte Familie inklusive des Jungen Gèrarde Jácob im Elternhaus von Ella. Alle Schwestern und deren Ehemänner feierten gemeinsam mit den Kindern sowie mit Opa Willi und Oma Katharina im kleinen Haus. Man war glücklich und zufrieden ob des Jahresverlaufs und in der Erwartung des kommenden neuen Jahres.

Das neue Jahr brachte viele Änderungen, der kleine Kerl fing rasch an zu laufen und so feierte er sein erstes Faschingsfest im Kreise seiner Cousins.
War es Zufall, oder Vorsehung, dass sein erstes Kostüm (Bildmitte) das darstellte, was er für seine weiteren Lebensjahre stets als Maske zu tragen hatte um nicht unterzugehen?

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Das ganze Jahr 1956 gab es nicht so vieles zu berichten. Der Junge wurde regelmäßig von einer Freundin seiner Mutter ausgefahren, während seine Mutter die Eltern bei den Arbeiten im landwirtschaftlichen Betrieb unterstützte und von Zeit zu Zeit etwas für die Leute nähte.
Sein Vater fuhr Tag für Tag zur 18km entfernt gelegenen Arbeitsstätte. Mal ging es mit dem Zug, mal mit seinem Motorrad, was er auch regelmäßig dann einsetzte, wenn er mit seiner jungen Familie seine Eltern im Nachbarort, Freunde, oder den dortigen Karnevalsverein besuchte.
Ende des Jahres sollte es zum Umbruch kommen, da die Eltern des Jungen sich anschickten das, von den Großeltern mütterlicherseits, im Erbvorweggriff, überlassene Grundstück am Rande dieses rheinhessischen Kleinods, für Ihre Zwecke umzunutzen.
Onkel Jakob plante das Anwesen, welches neben einem Einfamilienhaus auch noch Gebäude für einen kleinen Gewerbebetrieb mit Tankstelle aufnehmen sollte. Beide Opas, alle Onkel beider Seiten halfen dabei das Fundament auszuschachten, während Ella, der kleine Gérarde Jácob mit Cousin und Cousine, sich auf den umliegenden Parzellen umsahen um Steine „Wacken“ zum verstärken des Betons aufzusammeln und in den frisch in die Fundamente eingebrachte Betonmischung zu versenken.
Als Transportmittel diente ein kleines Holzfuhrwerk, welches der kleine Gérarde Jácob von seinem Patenonkel zu Weihnachten erhalten hatte und natürlich ein altertümlich anmutender Schubkarren, den die Mutter des kleinen schob.

Der Keller wuchs rasch in die Höhe und nach Anlieferung der Kellerdecke wurde alsbald mit dem Abmauern des Erdgeschosses begonnen. Die zweite Decke wurde eingezogen und anschließend sofort der Kniestock erstellt.
Da jetzt bevorzugt mit dem Bau der Tankstelle begonnen werden musste, wurden zunächst nur die Zimmer des Erdgeschosses fertiggestellt und die Treppenab- und -aufgänge mit Holztafeln zugelegt.
Das Haus wurde von zwei Öl-/Holzöfen beheizt, wobei der eine Ofen gleichzeitig Küchenherd- und Heizfunktion hatte und im Wohnzimmer ein weiterer dafür sorgte, dass das gesamte Haus entsprechend temperiert wurde.
Der Tankwartraum wurde angebaut, ein Zweimeter mal fünf Meter umfassender Anbau, welcher großflächig verglast wurde und wie damals üblich nur einen Kassen- und einen Kundentisch mit vier Stühlen umfasste. Zusätzlich gab es noch wenige Behältnisse für KFZ Verbrauchsartikel, wie Zündkerzen, Birnen, Öl, etc.
Da in besagtem Tankwartraum mehrmals am Tag die Türe auf und zuging, die Küchentüre immer offenblieb, war es im Winter entsprechend kühl im Haus. Verstärkt wurde diese Kälte noch durch die fehlenden Abschlüsse zum Obergeschoss, welches noch im Rohbau war und erst später fertiggestellt werden sollten.
1958, die Fahrbahn ist geschottert, Beleuchtungen, Tanksäulen, Ölkabinette, Dieselanlage und Handpumpstation für Ölgemisch-kraftstoffe stehen, der Tankstellenbetrieb nimmt seine Tätigkeit auf.
Seine Mutter hat jetzt noch weniger Zeit als zuvor, als sie täglich daran arbeitete Zimmer fertig zu tapezieren und das Heim wohnlich zu machen. Zum Glück kommt eine junge Frau, Birgitt, ein ehemaliges Kindergartenkind seiner Mutter, regelmäßig vorbei und fährt den Buben etwas spazieren.
Immer häufiger kommt auch seine Oma um Gérarde´s Mutter bei der Hausarbeit zu unterstützen, da diese mehr und mehr überfordert ist.
Der Winter ist kalt und eine um die andere Kinderkrankheit hält Einzug im Hause des jungen Paares. Die, aufgrund der Investitionen, notwendige Einschränkungen machen sich auch auf dem Teller bemerkbar und der ungefilterte Kontakt des Jungen mit wildfremden Menschen, belasten die Gesundheit des kleinen Jungen.
Es wird Zeit für den Kindergarten und für Leistung.
Letztere fordert die junge Mutter unnachgiebig vom kleinen Gérarde Jácob ein. Ein um das andere Lied, Gedicht, Theaterstück, Büttenvortrag muss einstudiert werden und der Junge muss sich, mehr und mehr, in der Öffentlichkeit bewähren.
Der erste Büttenvortrag im Karnevalverein wird mit nicht mal drei erledigt, danach Jahr um Jahr in neuer Reimform erledigt:

Hoo, rappelt die ho,
die Fassenacht fängt oa,
drobbe an de Ferschte
hänge lange werschde,
die korze loss mer haange,
merr nemme nor die loange“!

Was sich so spielerisch leicht anhört, ist für den nicht mal dreijährigen Kerl, in der Wirklichkeit eine riesen Belastung.
Auftritt vor über einhundert, laut lärmenden und herumhopsenden, Kindern und deren Eltern, auf der Bütt vor dem Mikrophon stehend, wenn auch vom danebenstehenden Vater souffliert, diesen Reim aufzusagen kostet viel Kraft. Die Nervosität vor dem Auftritt ist riesig, das kleine Herzchen schlägt mit brachialer Gewalt und beim Applaus möchte er sich am liebsten verstecken.
„Na, war doch gar nicht so schlimm – oder“? war das einzige was er von seinen Eltern zu hören bekommen sollte, wie übrigens regelmäßig, wenn etwas von ihm verlangt wurde. Ein hast Du gut gemacht, oder das war sehr schön, war wohl für die Eltern eine unbekannte Floskel.
Stolz waren Sie, „was unser Sohn schon alles kann“, und schon war Gérarde – Jacob – oder galt dieses eigentlich mehr für sie selbst – für die nächsten Wochen und Monate Gesprächsstoff für die Mutter.
In diversen Theaterstücken des Kindergartens durfte er, der ja alles so schnell lernt, kein Wunder, wenn man ständig von der Mutter getrimmt wird, seinen Redetext und seine Bewegungen zu üben, jetzt tragende Rollen spielen.
Doch Spiel und Kindheit blieben, auch wegen der fehlenden Nachbarskinder, auf der Strecke. Die nächsten Kinder sind mehr als 100 Meter entfernt und die Mutter lässt den Kleinen nicht aus den Augen.
Durch den ständigen Erwachsenenkontakt reift der kleine Junge übermäßig schnell heran. Durch die ständige Abforderung von Leistung, die fehlende Elternliebe oder gar Lob, entwickelt er sehr schnell für sich eine Strategie. Er versuchte vorherzusehen, was Menschen, die ihm etwas bedeuteten von ihm erwarteten.
Der Vater bringt ihm das Fahrradfahren bei, zunächst auf Stützrädern streift er auf der Tankstellenfahrbahn umher, bis er dann meint so sicher mit dem Fahrrad umgehen zu können, dass der Vater ihm die Stützräder abmachen kann.
Die erste Fahrt ist dann gleich eine Herausforderung. Denn er wählt im Überschwang der Gefühle den seitlich am Haus vorbeiführenden Schotterweg. Leicht abschüssig, kommt er schnell in Fahrt. Doch plötzlich verreißt es ihm den Lenker und der Sturz ist unausweichlich. Der Lenker mit fehlendem Schutz schlägt ihm ein Loch in die Wange, die wenige Wochen alte, von der Mutter selbst genähte, Hose ist zerrissen und die Knie aufgeschürft. Schotterreste hängen in den blutenden Wunden. Er rappelt sich wieder auf, nimmt sein Fahrrad und geht nach Hause. Dort angekommen kann er sich zuerst einmal das Donnerwetter seiner Mutter anhören, bis diese dann den Vater ruft und dieser ihm mit Jod die Wunden an Wange, Beinen und Armen reinigt.
„Bis Du heiratest ist alles wieder gut“, ist alles was er dazu äußert.

„WOODSTOCK“

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Weitergereiste junge Leute

Findest Du hier keine heute.

Trinkgelagen, Marihuana Rauch, freie Liebe

Generationen ohne Sand im Getriebe

Sahen diese Mauern nie

Nur Menschen die, wie Du und ich, Ihr alle hier

Strebsam waren, vielmehr jedem gaben eben mehr- als nur ein Bier!

Fallen hier auf ihre Knie.

 

Freie Liebe, Lust und Laune, hoch die Tassen,

langes Bart- und Kopfhaar gar,

Zügellose Menschen, Leute ohne Scham,

sind hier glaube ich, wohl mehr als rar.

Eher triffst Du große Denker,

Weltbeglücker, Freudenspender,

arbeitssame Menschen, große und auch kleine Geber,

herzlich gerne Grüße Sender.

 

Keiner hüpft hier durch den Klee

Knochen, Herz und mehr, tun vielen weh.

Manche haben lange schon vergessen,

Was in der Kindheit sie besessen.

Eltern auf die man sich verlassen konnt,

in deren Liebe man sich sonnt.

 

Heile Welt, gute Familie, viele Freunde eben

Konnt behütet sich bewegen

Und schmerzte nach dem Sturz einmal das Knie

Papa, Mama, die Großeltern bekamen das rasch wieder hi (n).

 

Ein Kuss auf die Wange, ein liebevoller Blick

Schwupp wären die Schmerzen weg und die Sonne zurück.

Doch all das sahen viele hier noch nie

Blieben alleine stets mit schmerzen- und blutendem Knie.

(©G.j.Wagner, 19.01.2018)

„REIFEZEIT I“

Kurz nach Weihnachten 1959 wurde sein Bruder Ludwig geboren, und seine Mutter wurde sehr stark von diesem Schreihals, der zudem regelmäßig kränkelte, gefordert.
Seine Familie hatte zu Hause viel zu tun.
Der zweite Betriebsteil wurde errichtet und in Betrieb genommen, und überhaupt, was stellte er sich so zimperlich an, wie sein Vater gegenüber einem Onkel erklärte als dieser ihn auf den Arm nehmen und ein Stück des Weges tragen wollte.
Typisch, „was nicht sein darf, kann auch nicht sein“, fiel ihm ein als er dieses Erlebnis von seiner Cousine geschildert bekam. Den gleichen Verlauf erlebte er doch all die Jahre und Jahrzehnte, sowie gerade wieder.

Doch zuvor durfte er noch erleben, was das Vertrauen auf seine Eltern bedeutete.
Sein Bruder war geboren und sein Vater, ein aktiver Karnevalist und Komitee Mitglied war Anfang Januar im Nachbarort zu Vorbereitungsarbeiten unterwegs, als ihn seine Mutter zu Bett brachte.
Ausnahmsweise wach geworden, stutzig ob der Ruhe, suchte er das Haus nach seinen Eltern ab. Doch nirgends waren diese zu finden. Er schaltete überall im Haus das Licht an, schaute in den Keller und entschied dann sein Glück bei dem einzigen Nachbarn weit und breit zu suchen.
Er klopfte dort an und die Nachbarin, ganz erstaunt ihn so spät noch im Schafanzug vor sich zu sehen, fragte was los sei. Er erklärte ihr dann, dass er seine Eltern suche, diese aber nirgends gefunden habe, weswegen er annahm sie bei den Nachbarn zu finden. Demzufolge wollte Gerarde Jacob nachfragen ob diese eventuell bei ihnen sei. Dieses verneinte sie, beruhigte ihn und versprach ihn rasch nach Hause zu begleiten und gemeinsam mit ihm auf die Eltern zu warten.
Einige Zeit später kamen diese zurück, die Nachbarin verabschiedeten sich, ihm und den Eltern eine gute Nacht wünschend.
Der Tadel, wie er dazu komme die Eltern so zu verraten brannte ihm noch lange Zeit in den Ohren.
Das also waren ihre Versprechungen, stets für ihn und seinen Bruder da zu sein, sie nicht allein lassen zu wollen, wert.

Sein fünfter Geburtstag ist gerade gefeiert, als ein Anruf seiner Oma väterlicherseits das Elternhaus erreichte. Er, der immer so gerne bei seinen Großeltern urlaubte, merkte nicht, dass etwas mit den Eltern nicht stimmte. Wollte nur immerzu mit zu seinem geliebten Opa und seiner Oma fahren. Sein Vater kam, trotz aller Versuche ihn von seinem Vorhaben mitzukommen abzubringen, also nicht umhin, ihn mitzunehmen. Seine Oma und sein Vater weinten als sie dort ankamen und er fragte sich, was wohl passiert sein mochte. Dann erfuhr er, dass sein Opa schwer krank geworden und in einem von ihm aufgesuchten Betrieb zusammengebrochen sei. Man werde ihn wohl gleich nach Hause bringen. Kurz darauf sollte er erfahren, dass sein geliebter Opa soeben gestorben war und man diesen in wenigen Minuten nach Hause bringen werde.

Er stand auf der Treppe und harrte der Dinge, die da kommen werden. Sein Papa nahm ihn an der Hand und wollte ihn zum Todeslager seines Opas führen. Er wehrte sich, wollte nicht diese schwere Last tragen, wollte seinen Opa so im Kopf behalten wie er ihn aus dessen Leben und seiner liebenswerten und lustigen Art kannte. Doch sein Vater zerrte ihn in den, neben dem Wohnhaus gelegenen Schuppen, in welchen man seinen geliebten Opa in einer Zinkwanne liegend gebracht hatte. Dort lag er nun eiskalt und mit schmerzverzerrtem Gesicht, in dieser unwürdigen Hütte und Blechwanne. Dessen schmerzverzerrte Gesichtszüge brannten sich in das kleine Gehirn ein und verweigerten von da an, dass er seine Oma und deren Haus über längere Zeit, oder gar über Nacht besuchte. Der Geist des, so ungewöhnlich harten Todes, hatte sich in seinen Kopf und in die Mauern seiner Großeltern Haus geschlichen.

Hatte er noch kurz zuvor bereits seine Uroma nach deren friedlichen Tod gesehen, hatte ab dem „heutigen Tag“ der Tod seinen vollen Schrecken für ihn bereitgehalten, nicht ahnend, dass dieser ihn in seinem späteren Leben immer dann konfrontieren sollte, wenn er in seinem Ehrenamt mal wieder Hospiz- oder Rettungsdienst leisten würde.

So sollte es bis zu seinem 14ten Lebensjahr dauern, bis er wieder in der Lage war die Gastfreundschaft seiner geliebten Oma in Anspruch nehmen zu können, ohne mit jedem Schritt in deren Haus an die so früh erlebte schreckliche Gewissheit erinnert zu werden.

 Die Einschulung steht an. Gott sei Dank gibt es in dieser rheinhessischen Gemeinde eine Volksschule.

1960, ist es zwischenzeitlich geworden und der unvermeidliche Gesundheitscheck vor der Aufnahme in dieselbe steht an.

 „Oh weh, das kann doch nicht wahr sein?“
Seine Mutter ist geschockt, unser Sohn und krank, die Ärztin spinnt ja. Doch das nahegelegene Gesundheitsamt bestätigt den Verdacht der Ärztin. Und so steht vor Schulbeginn zunächst ein Aufenthalt in der Lungenheilanstalt an.
Und natürlich darf niemand erfahren, wie krank der Kleine Gerard Jacob wirklich ist. Schließlich könnte allein der Verdacht auf Tuberkulose das frühe Ende, des gerade erst eröffneten, Unternehmen bedeuten.

Zwölf lange Wochen verschlägt es den kleinen in eine Lungenheilanstalt, im Hochschwarzwald. 170 km von zu Hause, erstmals in seinem Leben von den Eltern getrennt und ohne jeglichen Kontakt zu Ihnen für die gesamte Zeit.
Pure Angst schlägt ihm ins Gesicht als er mit seinen Eltern an dem grauen schmutzigen Gebäude, inmitten des Waldes gelegen, ankommt.
Fremde Menschen fahren ihm über seinen Kopf versuchen Trost zu spenden, als er später gemeinsam mit seinen Eltern von den Ärzten untersucht wird. Die Zeit vergeht rasend schnell und das Herz wird ihm bang, angesichts der bald bevorstehenden Trennung von den Eltern.
„Werde ich je wieder gesund und wie werden meine Eltern das aufnehmen, wenn ich so lange von Ihnen fort sein muss? Sind diese mir am Ende gar böse, da ich Ihnen so viel Zeit, ihrer eh schon stark eingeschränkten Möglichkeiten, mit den Untersuchungen und der Fahrt raube?“
Da naht schon eine Schwester um den Kleinen zu sich in die Gruppe zu nehmen und die Eltern schicken sich an, sich von dem Buben zu verabschieden. Tränenreich geschieht der Abschied, was eine grimmig dreinblickende Schwester, die ihm in der kommenden Zeit „Mutterersatz“ sein soll, missbilligend in Kauf nimmt.

Doch kaum sind die Eltern weg und schon schnauzt sie den kleinen Gerarde an: „Hier wird nicht geheult, wo kämen wir denn hin, wenn wir ständig einem von Euch die Rotznase putzen müssten!“
Wahrscheinlich hatte sie kurz zuvor noch im Krieg an der Front gedient, war ledig und lose und Kinder kannte sie nur von ihrer Arbeit oder der Ferne.

Der erste Eindruck ist oftmals der Beste, so sagt ein deutsches Sprichwort wohl, und über die Zeit sollte sich bestätigen, dass diese Frau weder das Herz auf dem rechten Fleck, noch einen Hauch von Mitgefühl kannte.

So kam Gerarde Jacob in eine Gruppe mit acht etwa gleichaltrigen Jungen in einem Zimmer unter. Die fremde Umgebung und Menschen, aber auch die Trennung machten ihm schwer zu schaffen und so war es kein Wunder das ihm das Abendessen nicht schmecken wollte.
Gott sei Dank hatten ihm seine Leidensgenossen verraten das die Schwester Hilde unbarmherzig zuschlug, wenn man seine Gefühle nicht in den Griff bekam. Und so versuchte er seine Trauer mittels einer zur Schau getragenen Gleichgültigkeit zu überdecken bevor er sich stundenlang in seinem Kissen in den Schlaf heulte.

Ein Gerücht machte die Runde, „ein Junge soll nach einem Streich, den er den Schwestern spielte, zur Übernachtung, in der gläsernen, mitten im Schwarzwald auf Pfählen stehenden, Liegehalle gezwungen worden sein, woraufhin sich dieser in der Nacht verdrückt habe und man ihn nun suchen müsse“. Die sofort angesetzte Suche des Vermissten, durchgeführt von allen Kindern und deren Betreuerinnen verlief ergebnislos. Später hieß es dann „der Junge wurde erhängt am Baum aufgefunden“.
Panik machte die Runde und ein jeder strengte sich an ja nicht der Nächste zu sein, der in der Liegehalle übernachten muss.
Und dann traf es ihn, er konnte seine Tränen nicht zurückhalten und beschimpfte die Schwester, als sie ihn zwingen wollte etwas zu essen was er jedoch auf keinem Fall essen wollte.

Mitten im Winter in einer unbeheizten, nur mit Einscheibenglas ausgestatteten Liegehalle zu verbringen, ständig den Geräuschen des Waldes lauschend und die Schatten der sich bewegenden Bäume vor Augen, wurde ihm schier schlecht vor Angst und Kälte.
Er trug so viele Decken als möglich zusammen um sich vor der Kälte, aber mehr noch vor dem gesehen werden zu schützen. So war er dann riesig erleichtert als man ihn kurz vor Mitternacht, er dachte es wäre schon früher Morgen, die Nachtschwester hatte wohl ein Einsehen mit dem kleinen Racker, wieder in sein Zimmer und zu seinem Bett führte.

Doch an einen ruhigen und erholsamen Schlaf war nach dieser Aufregung nicht zu denken. Am frühen Morgen rüffelte ihn die Stationsschwester noch einmal richtig durch, und wieder hatte er begriffen, dass es nichts bringt außer Probleme, wenn er sich widersetzen würde.
Die restlichen Wochen vergingen dann wie im Flug und es ging daran Abschied von diesem so ungastlichen Ort zu nehmen.

Vor wenigen Jahren war, der dann Erwachsene Gerarde, mit seiner Familie im Schwarzwald, ganz in der Nähe dieses ehemaligen Luftkurortes, unterwegs.
Neugierig wie er war dachte er es könne nichts schaden sich diesen damals so ungastlich erscheinenden Ort noch einmal anzuschauen. Daher machte er mit seiner Familie einen Schlenker und besuchte dieses, in seiner Erinnerung immer noch so stark präsente, ungastliche Haus. Dort angekommen stellte sich heraus, dass dieses nun eine Klinik für psychisch kranke Menschen beheimatet. Irgendwie gelangte er dort in die geschlossene Abteilung, von der Schwester hart angefahren was er denn dort wolle, antwortete er: „offensichtlich ist der Geist dieses bösen Ortes immer noch nicht gewichen, nur, dass man jetzt keine kleinen Kinder mehr drangsaliert, sondern Erwachsene die in ihrer Kindheit das Unglück hatten dieses Haus besuchen zu müssen“. Verständnislos starrte sie ihn an und verwies ihn unwirsch des Hauses.

Kurz vor Weihnachten 1960 ist es, als, wieder zu Hause angekommen, sich das Leben für den Buben immer schwieriger gestaltete.

Ständig müde, schmerzende Beine und Hüften, hielten ihn davon ab ein normales Leben zu führen. Froh, wenn der Kindergarten vorüber war, er sich auf die Couch ihrer Küche legen zu können, verbrachte er die meiste Zeit zu Hause. Nur Cousins und Cousinen, bis auf zwei Alterskameraden, waren gerngesehene Begleiter. Freundschaften zu bilden, war nur möglich, wenn Kinder befreundeter Ehepaare ihn einluden bei ihnen zu spielen oder Fernsehen zu schauen.

 Im März 1961 stand die Einschulung an. Immer wieder luden ihn seine Schulkameraden ein, doch mit ihnen zum Spiel in das Haus derer Eltern zu kommen. Und so wollte er sich diesen Wünschen nicht länger wiedersetzen, sage also schließlich zu, als ein Junge ihn zum Spielen in dessen Elternhaus an dem örtlichen Bachlauf einlud.

Sie spielten Nachlauf und das Schicksal nahm seinen Lauf, als er beim Lauf über einen Bau – Diehl quer über die darunter befindliche Mistkaute mit einem Fuß plötzlich inmitten der Jauche stand. „Mist“, dachte er, wie sollte er das seinen Eltern klarmachen, die doch nicht wissen durften das er in einer von ihnen verbotenen Area gespielt hatte.

Also blieb nur eines übrig. Er lief die Böschung zum Bachlauf hinunter und wusch seinen linken Strumpf, den Fuß und den Schuh mit dem klaren Bachwasser aus. Anschließend wollte er die verbliebene Jauche an der Hauswand des Anwesens ausrubbeln, als sein Vater, auf dem Weg zu einem guten Kunden, auf dem Tableau des heimischen Wissberges, mit dessen Fahrzeug vorbeikam.

Dieser, die Ansammlung der Kinder feststellend, erkannte sofort, dass sein Sohn inmitten der Kinder an der Wand stand und mit irgendetwas an der Wand rieb.

Sofort stoppte er seine Fahrt, sprang aus dem Fahrzeug, schnappte sich den Jungen ohne große Rückfrage und hieb ihm, das erste Mal, bereits wieder auf dem Weg zum Fahrzeug den Hintern.

Auf dem Wissberg angekommen gab es dann die zweite Klatsche. Der Kunde stieg ein und heimwärts ging die Fahrt.

Zu Hause angekommen ging es dann schnurstracks zum Badezimmer, wo er dann mit der knochigen Rückhand den nackten Po des Kleinen versohlte.

Opa Willi, gerade zu Besuch gekommen, hörte das laute Geheul des kleinen Jungen und wollte dem ganzen Einhalt gebieten. Doch Gérarde´s Vater fuhr diesen an, dass die Erziehung seiner Kinder allein seine Sache sei, worauf der Opa fluchtartig Reißaus nahm und beim Verlassen des Hauses sich bemüßigt sah, Kurt zuzurufen: “Du Mörder, so schnell siehst Du mich nicht mehr in Deinem Haus“!

 Überängstliche Eltern klammerten so stark, dass er kaum mehr den Fuß vor die Tür setzen konnte, so war es schlichtweg unmöglich Freundschaften zu bilden.

Die Leidenszeit begann damit, dass der Hausarzt der Familie meinte die Probleme kämen von einem Leistenbruch, welcher dringend operiert werden müsse.

Also ging es, weniger als ein Jahr später, wieder in eine Klinik.

Dort nur 20km von zu Hause entfernt erlebte er erneut die Freundlichkeit damaliger Krankenschwestern, musste mitansehen wie sie Mitpatienten nach erfolgter Blinddarmoperation den ganzen Tag alleine im Zimmer liegen ließen, ohne ihm ein einziges Mal mit dem feuchten Waschlappen übers verschwitzte Gesicht zu gehen, oder einmal nach ihm zu schauen.
Selbst hatte er ja gerade erst eine Leistenoperation hinter sich gebracht, konnte selbst nicht so gut laufen. Und doch hat er sich, ob der Erinnerungen an seinen vorherigen Aufenthalt, dem Mitpatienten angenommen. Da er nicht gut laufen konnte brachte er diesem die Mahlzeiten ans Bett. Ebenso stellte er nach dem Essen das Tablet wieder auf den Wagen, und immer wieder kühlte er diesem mit einem nassen Waschlappen Stirn und Lippen.
Vierzehn Tage lang hat er dafür gesorgt, dass es ihnen auf ihrem Zimmer gut ging, während Schmerzen und die Müdigkeit nicht nachlassen wollten.
Zu Hause hieß es dann, es müssten dreimal die Woche Bestrahlungen gemacht werden. Dies ging dann vierzehn Tage gut, ohne dass diese Beschwerden nachließen, ehe die Eltern zu ihrem gewohnten geschäftlichen Trott zurückkehrten und die Beeinträchtigungen des Jungen einmal mehr in Vergessenheit geriet.

Die Tankstelle entwickelt sich langsam aber sicher und der rege Kontakt mit dem damaligen „Gasolin“ Bezirksvertreter zeigte Wirkung.
Gérarde Jácob wird immer wieder ins Gespräch mit diesem und Kunden eingebunden. Schnell erkennt der Bezirksleiter die Chance mit dem Konterfei dieses, im „Gasolin- Schiffchen und – Overall“ steckenden Jungen seinen Bereich auf Vordermann zu bringen.
Brachte dieser Bengel doch seiner Mannschaft die Message, der Zukunftsfähigkeit, rüber. Rasch werden Bilder von diesem jüngsten „Gasolin-Tankwart“ erstellt und dokumentieren dessen Willen die Eltern einmal unterstützen zu wollen im deutschlandweit verteilten „Gasolin – Tankstellenmagazin“.

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Wie schwer dieser Erwartungsdruck auf ihm lastete, sollte er erst Jahrzehnte später schmerzlich erkennen.

Sein Bruder Konrad wurde geboren, seine Geschwister und die Tankstelle nahmen seine Mutter voll in Anspruch, so dass nunmehr lediglich Zeit blieb gemeinsam mit ihr Hausaufgaben zu machen, neue Bühnenstücke, Gedichte und Büttenreden, die er seit seinem zweitem Geburtstag Jahr um Jahr in der Kindersitzung, des väterlichen Karnevalsvereins, vortragen „durfte“, einzustudieren.

So gingen Monate und Jahre ins Land. Immer wenn es den Eltern mal wieder einfiel, dass sie etwas wegen seiner Schmerzen und der ständigen Ermüdung unternehmen müssten, vereinbarten Sie einen Termin beim Arzt, beim nächsten, bis sie dann nach vier Jahren auf den Gedanken kamen man könne es ja anstatt beim Schmidt’schen auch einmal beim Schmied versuchen.

Der Sommer kam ins Land und sie überlegten sich jetzt endlich doch aktiv um eine Untersuchung beim richtigen Arzt zu bemühen.
Also brachten Sie den kleinen, mittlerweile bald neun Jahre alt werdenden Jungen, in die Universitätsklinik in Mainz.

Dort in der Orthopädie gingen Untersuchungen einher, zunehmend wurden die Ärzte wegen seiner Schmerzenslaute und ob seiner Bewegungseinschränkungen ungeduldiger. Wenige Tage nach der Einlieferung kam dann die Botschaft das man ihn unter Narkose untersuchen müsse.
Diese Untersuchungen sollten am Vortag seines neunten Geburtstages erfolgen.

Voller Sorge und Angst, nach der Narkose nicht mehr aufzuwachen, wartete Gérarde voller Anspannung auf das Erscheinen der Ärzte. Rasch nach dem Aufsetzen der Atemmaske schlief er ein, um Stunden später mit einem gehörigen Kater aufzuwachen und feststellen zu müssen, dass er das rechte Bein gar nicht, und sein linkes nur abwärts des Knies bewegen konnte.
Ein Panzer aus Gips Hose, vom Nabel abwärts bis zu den Fußzehen des rechten Fußes und bis zum linken Knie, umfing seinen ausgemergelten Körper.

Permanent speiend, ob der gerade überwundenen Äthernarkose, wartete er noch sichtlich benommen auf die Eltern, als er hörte wie sein Vater, wohl auf dem Weg zu dem Buben und in Erwartung das dieser noch nichts mitbekommen würde, zur Mutter sagte:“ Am liebsten würde ich mit dem Auto gegen die nächstbeste Wand fahren, wenn da nicht noch die zwei kleinen Buben zu Haus auf uns warten würden“.

Wie oft hat er diesen Gott verfluchten Satz in seinem späteren Leben noch gehört, wenn seine Eltern im Familien- oder Freundeskreis ihre ach so großen Belastungen durch diesen Jungen breittraten, ihn immer mehr für ihre Zwecke beeinflussten und zu Dankbarkeit und Zugeständnissen drängten.
Sicher, der Schock war riesig, zu hören das der eigene Sohn an einer auf beide Hüften ausstrahlende Lungentuberkulose leide.
Dann noch den ganzen Ärger, mit Gesundheitsamt, Verdächtigungen der – und Auswirkungen auf die – Kundschaft im Auge, den eventuell anstehenden Kosten für die Behandlung, erwarten müssen, war schlimm.
Was passierte, wenn sich die Tuberkulose unter der Kundschaft rundsprach, wer würde sich noch getrauen bei ihnen Kunden zu sein, ohne Gefahr zu laufen sich anzustecken?

Gerade drei Jahre war es her seit er den zweiten Betriebsteil eröffnet, sich entsprechend verschuldet hatte und noch weit von der Gewinnschwelle entfernt war. Und jetzt – dieses!

Peng, da kann man wegfliegen, Angst vor der Zukunft haben!

Doch kann ich meinen kranken Sohn deswegen aufgeben, ihn, der jetzt erst recht die Eltern braucht, zurücklassen und nur, weil da noch zwei andere daheim sind sich zu entscheiden weiter zu machen? In dem kleinen Gérarde überschlug sich alles.
Was hatte er Schlimmes, was war mit ihm los, warum und wie lange musste er wohl das verdammte Gips ding da erdulden?
Und vor allem, warum würden ihn seine Eltern alleine lassen, wenn da nicht noch die beiden Brüder wären?
„Liebten sie diese mehr als ihn?“

Wohl wissend, dass sie wegen seiner Erkrankung viel zu viel durchmachen mussten, auf so viele Dinge verzichten mussten. Hatte er zuvor nicht alles Menschenmögliche getan um sie nicht zu sehr mit seinen Problemen zu konfrontieren? Wie oft hatte er es sich in der Vergangenheit abgewöhnt seine Schmerzen zu äußern?

Was konnte er tun um zu verhindern das sie sich ganz von ihm abwenden, ihn mit seiner Erkrankung allein lassen, würden?

All diese Dinge durchliefen sein Gehirn, in früheren, speziell in diesem sowie in vielen folgenden Momenten. Was kann, konnte er tun um sich ihrer Liebe weiterhin zu versichern????
Kurz darauf sollte er erfahren wie es weiterging.
Seine Eltern kamen.

“EINGEMAUERT”

Abhang-Burg-Turm_995 (2)

Im Turm der Verzweiflung – ganz hoch oben hier – bin ich gefang´n.
Ich selbst – wer sonst wohl – hat mich hier so eingesperrt?
Stets hab den Schlüssel ich mir viel zu hoch gehangen
damit mein Ausweg bleibt – für immer wohl – versperrt?

Wie oft schaut ich hier – durch diese engen Zinnen
doch sah nicht allzu oft – ich – einmal schönes Land

Während die Zeit mir eiligst tat verrinnen

ich weder Ausweg noch die richtge Antwort fand


Des Atmens schwer – dank – feuchter, dumpfig, modrig, schwerer – Luft
hab abgekämpft mich – stets gerungen – tief im Innern fest mit mir
allein was blieb nach alle dem – das ist ein unschön, stinkend, herber Duft
und trotzdem sitz – nach all den schweren Jahren – ich doch stets noch hier

Im Auge des Betrachters liegt es – wie wir alle wissen

dass analytisch alles – und ein jedes – hinterfragt

ganz oft auch hindert – uns – jahrzehntelang geformt Gewissen

daran, dass man den Aus- und seinen Aufbruch wagt


Hält uns der „schöne“ Schein in seinem Bann gefangen
weil unsre Seele uns – hält – fest – in ihrem Bann
wenn unsrer Tränen Nässe fest gerannen
der Mut verging uns und der Schein gewann?

Wie oft hab´ ich mir vorgenommen

zu gehen, da das Ende Ende ist doch längst erreicht?

Doch wieder ist ein Jahr verronnen

Mut und Verstand – hab´n wieder einmal – nicht gereicht.


Abwegig sieht so mancher mein Bestreben
zu richten grad, was ungrad´ ist in meinem Sein.
Manch einer hat´s vorausgesehen
das folgte ich – manch schönem Schein

Der Seele Not, kaum einer kann – dies anerkennen

treibt uns zu Dingen die uns stetig sauern

treiben hinweg uns – von so manchem hehren Ziel – ganz weit

weil wir in Dinge uns – in unsrem Wahn – verrennen

tun wir in scheinbar heile Welt uns mauern

während dort draußen brennt der Puls der Zeit


Im Turm dieser – Verzweiflung – bin ich immer noch gefangen
habe ich mich wirklich – selbst – einst eingesperrt
weil Demut ich nicht ließ ans Herz gelangen
wird mir die Rettung heute immer noch verwehrt?

Wie schön heißt es in altem Munde

gar viele Wege münden in dem alten – schönen – Rom

wie gerne glaubt ich einst – der schönen Kunde

wenn ich hier sitz – in meinem – dunklen, kalten Dom


Nacht – meine Nacht, zeig endlich mir der Wahrheit Glanz
weiß auf den Weg mich – der Hilf und Ausweg – mir verspricht
der ich dich doch an meinem – Horizont bereits gesehen
damit ich meiner Stärke mich besinne, vertraue meiner Kräfte ganz
verschaff mei´m Wissen – Erfahren – Handeln – notwendiges Gewicht
damit ich endlich lasse das geschehen
was meiner Menschenwürde – der Natur – und meinem Wesen wohl doch so sehr entspricht!

So steh ich auf – nun – endlich will besinnen
mich – auf all die Tugenden die ich einst so lang gelebt
Steig freudig nun herab von meines Turmes Zinnen
auch wenn mein Herze mir – doch auch noch – so sehr erbebt

Herr lass mich Licht am End des Tunnels – endlich sehen
lass Deine Cherubim geschützt geleiten mich ganz sanft
und lasse bitte nicht – mich – so von dieser Erde gehen
bevor ich nicht erfüllt hab meines Lebens – Deinen – Auftrag ganz

(©G. J. Wagner, 16.02.2018)

„Reifezeit II“

Mutter und Vater mit völlig verheultem Gesicht, bemüht darum Ruhe auf ihn auszustrahlen begannen ihm zu erklären das er an einer ganz seltenen Krankheit leide, deswegen jetzt für lange Zeit eine Gips Hose tragen müsse.

Niemand wüsste wie lange das dauern könne, niemand könne sagen ob er je wieder gehen, normal leben könne. Er müsse jetzt stark sein, brauche keine Angst zu haben, weil alle für ihn und seine Gesundheit beten, täglich eine geweihte Kerze abbrennen, würden.

Stumm hörte er Ihnen zu, er wollte rumlaufen wie seine Schulkameraden, nicht hier liegen und sich anhören zu müssen das er jetzt für lange, lange – wie lange – Zeit in diesem Panzer gefangen sein würde! Und überhaupt, warum zu einem Gott beten, der ihn sosehr belastete?

Rechtes Bein bis zu den Zehen, Becken und Bauch bis zum Bachnabel und das linke Bein bis zum Knie, mit einem zwei bis drei Zentimeter dickem Gips versehen.

Und zwischen beiden Oberschenkel war ein Stock eingegipst, der fürderhin als Transportgriff verwendet werden konnte.

Sein Gehirn ratterte.

 „Das kann doch nur ein Scherz sein?

Für wie lange muss ich dieses unförmige Ding überhaupt tragen?

Wie kann ich damit zur Toilette gehen?

Wie, diese unbändige Hitze ertragen, die die Haut unter der Gipszwischenlage aus Watte permanent jucken lässt?“

„Ich kann nicht mal selbst auf die Toilette gehen, geschweige denn mich dort kurz unterhalb des rechten Knies ein wenig kratzen, damit das Gejucks ein für alle Mal aufhört.

Das stinkt doch erbärmlich, wenn ich da meine Notdurft ein paar Tage im Gips hinterlassen müsste? Wie soll ich ein Bad nehmen, mich richtig waschen, meine Zähne putzen können, so wie ein Mistkäfer auf dem Rücken liegend?“

„Wie kann ich das aushalten, wenn es mir jetzt schon so dreckig geht?“

„Und da kommen die daher und sagen mir ich brauche keine Angst zu haben“!

Von zu Hause bis nach Mainz gilt es eine Ewigkeit zu fahren, wie er aus den diversen Beschaffungsfahrten, die er gemeinsam mit seinem Vater unternommen hatte, wusste. Da können Vater und Mutter nicht ständig bei Dir sein? Wie soll das gehen, die zu Hause den Betrieb machen und du hier liegend und Stund um Stund auf ihre Ankunft und ihren Besuch wartend?

Er wusste nur, dass er alles unternehmen musste um sich ihre Zuneigung und Liebe zu erhalten.

Heißt das, nach Möglichkeit alles vermeiden was sie zusätzlich belastet?

Auf die Zähne beißen, wenn Heulen angesagt wäre, Geduld zu haben, nicht jammern und klagen?

So rasch als möglich gesund zu werden, damit seine Eltern nicht zu stark unter dieser Erkrankung leiden müssen?

„Wer bist du schon“, so hörte er sie fragen, „dass du meinst alles müsse sich um dich drehen?“

Und langsam aber sicher findet er sich damit ab. Doch die nachfolgenden Tage sollten ihn erst richtig in Aufruhr versetzen.

Der Gemeindepfarrer, Pfarrer Maler, kommt ihn besuchen. Gerade nach Mainz versetzt, nutzt er die Nähe zu seiner neuen Pfarrei um sein ehemaliges Pfarreimitglied zu besuchen, diesem „seelsorgerisch“ beizustehen.

Zu ersten Mal wird er mit dem Satz konfrontiert, der ihn sein künftiges Leben immer wieder begleiten soll.

„Nimm es nicht so schwer, andere haben noch viel mehr unter ihrem

Schicksal zu leiden als Du“!

Als sei dies Trost dafür, dass er seit Jahren nicht mit seinen Alterskameraden herumtollen konnte, ständigen Schmerzen, seiner Müdigkeit und den Behinderungen ausgesetzt war und ist, so zum Außenseiter der Gesellschaft wurde und jetzt nicht wusste wohin sein zukünftiges Leben abdriftete.

„Der Herr belastet Dich nur mit dem was Du auch tragen kannst.

Nur die starken Menschen, Warrier‘s, Heros, werden mit solchen Belastungen beladen.

Sei stolz darauf das er Dich auserwählte, diese Krankheit zu tragen.“

Was wollte er ihm durch diese Aussagen mitteilen? Welcher Trost sollte ihm das bringen?

Er wollte mit seinen Klassenkameraden herumtollen, Fußball spielen, im Winter Eishockey auf den vereisten Dorfstraßen spielen, Schlitten und Bob fahren, seinen Eltern nicht zur Last fallen.

Was brachte es da in den Augen des Pfarrers und der Erwachsenen ein Held zu sein?

Ihn belastete extrem das seine Eltern gegenüber deren Kunden und in der Gemeinde nicht die volle Wahrheit über seine Krankheit sagen konnten.

„Was hatte das zu bedeuten?

Wie sah seine persönliche Zukunft aus?

Hatte er überhaupt eine und sollte er je wieder seine Beine gebrauchen, mit Kindern herumtollen können?

Warum wollten diese jetzt an einer Legende basteln, dass er bei einer Schlittenfahrt verunfallt im Regenablauf des Wissbergs gelandet sich am Becken verletzt habe?

Wie lange musste er, in Gips Hose steckend, nur auf dem Rücken liegend auf die Hilfsbereitschaft seiner Krankenschwestern, der Ärzte oder seiner Eltern angewiesen sein?“

So war er froh, als sich der Priester wieder verabschiedete und er still in sein Kissen heulen konnte.

Wie sehr hätte er sich gewünscht das ihn ein Mensch in seine Arme nahm, er sich einfach fallen lassen könnte. Einen Menschen zu haben, der ihn in seinem Leid verstand, ihm wirklichen Trost spendete und ihm endlich sagte, morgen kommt der Gips ab und du bist wieder ganz gesund.

Endlich einmal ein ganz normales Kind sein zu dürfen, das war sein größter Wunsch!

Doch es sollte alles noch viel schlimmer kommen als er sich vorstellen konnte.

Seine Eltern sollten wenige Tage später die Überbringer der Hiobsbotschaft sein, die sein Leben für immerzu drastisch verändern sollte.

Zwei Tage später, seine Eltern hatten mal wieder eine kostenlose Aushilfe gefunden und der Auftragsstand der Werkstatt ließ es zu, dass sein Vater für ein paar Stunde verschwand, kamen sie ihn, nach telefonischer Anmeldung, besuchen.

Beide betraten mit total verheulten Augen sein Zimmer, indem er schon seit seiner Untersuchung alleine lag.

„Was war jetzt schon wieder los, was hatte er angestellt, war seine Erkrankung so schwer, dass seine Eltern wieder mit verweinten Augen reagieren?

Würde sein Schicksal am Ende dazu führen, dass sein Vater am Ende doch noch wahr machen würde was er am Tage nach seiner Untersuchung angekündigt hatte?

Würden sie ihn und seine Geschwister jetzt doch alleine sitzen lassen?

Wie sollte er diese Krankheit ohne sie besiegen, je wieder gehen, oder in einer intakten Familie leben können?

Warum muss ich jetzt überhaupt Stärke zeigen, die eigenen Eltern stützen und mich nicht endlich mal an diese anlehnen?“

Frage über Frage ging ihm durch sein kleines und unbedarftes Gehirn.

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Große Angst schnürte ihm Magen und seinen schmalen, so ausgezehrten Brustkorb ein, so dass er glaubte ersticken zu müssen. „Warum muss ich meine Eltern so belasten? Warum ich das alles tragen, was habe ich getan, dass wir so leiden müssen“, Frage auf Frage ließen ihn ängstlich auf das Zusammentreffen mit seinen Eltern harren. „Auf jeden Fall muss ich so stark sein, alles was da auch kommen mag wie ein Erwachsener ertragen, keine Schwäche zeigen, die Eltern nicht noch zusätzlich belasten. Ich muss sicherstellen, dass ich meine Eltern nicht noch unnötig zusätzlich belaste, darf nicht verantwortlich dafür sein das meine Geschwister als Waisen irgendwo bei den Großeltern oder bei Onkel und Tanten groß werden!“

Vater und Mutter durften sich auf keinen Fall noch zusätzlich durch ihn belastet fühlen. Er musste alles vermeiden diese noch zusätzlich durch seine Schwäche zu belasten. Eben das in den bisherigen Krankenhausaufenthalten so erfolgreich eingesetzte Verhalten erneut zum Einsatz bringen war jetzt angesagt!

Die Eltern kamen an sein Bett, Mutter beugte sich kurz über ihn, gab ihm einen Kuss auf die Stirn, ihre Hand griff nach seiner. Vater begrüßte ihn wie immer mit einem, fröhlich klingen sollenden Hallo und kurzem Winken.

Wie froh wäre er gewesen, hätte ihn einer von den Beiden in den Arm genommen, wie gerne hätte er sich einmal fallen gelassen, wohl wissend das es da zwei Menschen gab die ihn auffangen würden.

Aber nein, da saßen Vater und Mutter an seinem Krankenbett und bedurften selbst seines Trostes und Verständnisses.

Vater stockte, Tränen liefen ihm über die Wangen, als er anhob seinem Sohn zu erklären, was eigentlich keiner Erklärung würdig war.

Er müsse jetzt ganz stark sein und um seine Genesung ganz feste kämpfen, denn die Erkrankung mache es notwendig, dass er vielleicht für eine ganz lange Zeit viele Kilometer von zu Hause entfernt in eine Kinderklinik, welche sich auf seine Erkrankung spezialisiert habe, gebracht werden. Die Ärzte suchten zwar noch nach einer möglichen Alternative, doch diese sei noch nicht so erprobt, die Risiken seien dort sehr hoch und es gäbe dort auch keine schulische Betreuung. Da jedoch niemand wisse wie lange er im Krankenhaus bleiben müsse, käme der Aufenthalt dort nicht in Betracht, oder wolle er nach seiner Genesung in eine Dummenschule gehen?

Natürlich wollte er das nicht. Am liebsten wäre er mit nach Hause gefahren, dort im Heimatort in die Schule gegangen, diese beendet und danach, wie von den Eltern schon ab seinem fünften Lebensjahr gefordert, dann in Vaters Fußstapfen getreten. Hätte seine handwerkliche Ausbildung hinter sich gebracht, seine Eltern unterstützt und nach Vaters Eintritt ins Rentenalter den Betrieb übernommen, durch monatliche Pachtzahlungen den Eltern ein zufriedenes Altern ermöglicht. Am Ende würde jetzt sein Bruder Ludwig den Betrieb übernehmen und ihm blieb der unrühmliche Weg eines körperlichen Krüppels.

Frage über Frage ratterte in seinem kleinen Kopf, und doch durfte er es jetzt nicht zulassen seine Eltern zu sehr mit seinem Schock zu belasten. So blieb ihm nur zu hinterfragen wo sich das Krankenhaus denn befinde und wann und wie der Transport dorthin erfolgen solle.

Letzteres machte ihm große Sorgen, denn wie sollte er mit Gips Hose in den kleinen NSU Prinz seiner Eltern passen?

Am 06.August 1964 sollte der Aufbruch ins Unbekannte starten, wie ihm seine Eltern erklärten. Papa werde einen Metzger in seinem Kundenkreis um Überlassung seines Opel Rekord Caravan, und Gerards Patenonkel um die Mitfahrt ins 450km entfernte Scheidegg/Allgäu, bitten.

Jetzt war endlich auch der Ort und die genaue Entfernung bekannt und dieses verschlug dem kleinen Gérard Jácob völlig die Sprache. „Wenn Mama und Papa nur endlich nach Hause fahren würden“, denn lang konnte er seinen gespielten Gleichmut nicht mehr aufrechterhalten. „Also auf der Ladefläche eines Schlachters sollte er sich dieser unerfreulichen Reise stellen, mal gespannt wie das am Ende ausgehen wird“? „Besuch wird dann von den Eltern wohl eher nicht zu erwarten sein“ ist seine größte Sorge. Und diese wurde noch größer als er sich dann einen Tag später auf die Reise machen musste.

„Gott sei Dank“ mussten die Eltern jetzt nach Hause. Endlich konnte er sich seiner Trauer ganz überlassen, seine Tränen im Kopfkissen trocknen.

Gedanken über Gedanken gingen durch seinen Kopf. „Wie soll ich das nur überstehen? Keiner weiß, wie lange ich so weit von zu Hause verbringen muss, wie lange das ständige und nervige im Bett liegen und die Gips ding ertragen“, Hunger hatte er jetzt keinen mehr und so weinte er sich schließlich erschöpft in den Schlaf.

 „Selbst – Zweifel“

die-gestalt-des-menschen

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei, freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich träge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der’s Siegen gewohnt.

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Bin ich das wirklich,

was andere sagen von mir?

Oder bin ich nur das,

was ich selbst weiß – jetzt und im hier?

Und wenn dem so ist – was bin ich – nur – was?

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Unruhig, sehnsüchtig, krank,
wie ein Vogel im Käfig, in seinem Tank
ringend nach dem Odem des Lebens,
würgend danach – doch vermeintlich vergebens.

Wer bin ich? Sie sagen immer wieder mir doch,

ich träge die Tage des Unglücks

gleichmütig, lächelnd und stolz,

der, welcher am End wohl siegt – immer noch?

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Hungernd nach Farben suchend,
stets neue Blumen – Ablenkung buchend,
dürstend nach – der Vögel Stimmen,
gerne in guten Worten schwimmend.

Dürstend nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür – die ich nicht verstehe.

und kleinlichste Kränkung wirft auf den Boden mich oft.

Bin ich vielleicht gar nicht so stark – am Ende gar soft?

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Wer bin ich? Sie sagen mir doch,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Und doch werde – umgetrieben – ich oft,

getrieben vom Warten auf ganz große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde gar oft,

deren Besuch ich würde so gerne erzwingen.

Zum Beten zu müde und leer,
das Denken und Schaffen fällt schwer.
Matt und zum Abschied bereit,
Jemand der Allen – sich selber – verzeiht?

Wer bin ich – so frag ich mich oft?

Der oder jener – mal hart oder soft?

Bin ich heute denn – dieser

und morgen – Genießer?

Bin ich beides zugleich?
Außen ganz hart und innen ganz weich?
Vor Menschen ein Heuchler?
Tief innen ein Meuchler?

Den wehleidigen Schwächling in mir – veracht – ich,

gleicht der doch dem geschlagenen Heer,

welches in Unordnung weicht – dem Feinde ergibt sich

dessen Leben – jetzt plötzlich – so leer.

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Wer bin ich, frag ich mich – gar – oft
Einsames Fragen treibt mit mir – seinen – Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich,
Dein bin ich – mein – Gott

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Flossenbürg_Arresthof

 

 

 

 

 

(©G. J. Wagner, 31.01.2018, In Erinnerung an – nach – Dietrich Bonhoeffer Juni 1944)

 „Scheidegg“

Donnerstagmorgen, 07.30 Uhr, stehen sein Patenonkel und sein Vater zur Abholung parat. Mutter konnte nicht mitkommen, weil schließlich jemand zu Hause an der Tankstelle bleiben musste. Sein Patenonkel nahm ihn in den Arm und versuchte ihn mit einer lieben und lustigen Geste zu trösten. Vater meinte nur:“ wird schon nicht so schlimm werden“, was sollte er auch sonst sagen?

Und schon packte ihn sein Vater unter der Schulter und mit der linken Hand an dem eingegipsten Holzstock, schleppte ihn die kurze Treppe bis zum davor parkenden Auto und schob ihn kurzerhand über die mit Decken präparierte Ladefläche. Die Stationsschwester und Ärzte verabschiedeten sich vom kleinen Gérard Jácob, wünschten ihm baldige gute Besserung und schon waren sie wieder im Trott des Klinikalltags verschwunden.

Es regnete in Strömen, an diesem für den kleinen Racker so denkwürdigen Tag. Eine Unterhaltung wollte einfach nicht aufkommen, ein jeder war in seinen Gedanken vertieft und sein Papa musste sich auf den wenigen Verkehr auf der Landstraße gen Süden konzentrieren.

Sein Petter versuchte immer wieder durch lustige Sprüche und Lieder den kleinen Gérard Jácob aufzumuntern, doch schon nach kurzer Zeit wurde ihm jedes Mal klarer, dass es ihm heute wohl nicht mehr gelingen würde.

Diesig, und nass, gar nicht wie sonst in den ersten Augusttagen, wohl eher passend zur allgemeinen Stimmung, spielte das Wetter auch nicht richtig mit, so dass keine rechte Freude an dieser, sonst eigentlich schönen Überlandfahrt, quer durch Rheinland-Pfalz, Rheinhessen, die Pfalz über Baden-Württemberg, Ulm, Biberach, Lindau, am Bodensee entlang bis nach Scheidegg/Allgäu, aufkommen konnte.

Angehalten wurde nur, um den notwendigen Fahrerwechsel vorzubereiten, oder um nachtanken zu können.

Gérard´s Mama hatte ein paar, lecker mit Hausmacher Wurst belegte, Brötchen geschmiert, doch auch ein Hunger wollte nicht wirklich aufkommen.

Je näher man dem Ziel kam, umso schweigsamer wurden alle. Lediglich Gérards Papa meinte, als er gerade einmal nicht fahren musste, seinen neunjährigen Sohn sexuell aufklären zu müssen. Als hätte dieser sich bis dato je gefragt wozu Sex gut sein solle, geschweige denn was das denn überhaupt sei?

Die Aufklärung endete darin das Gérard´s Papa dem Kleinen erklärte das es eine Sünde sei zu onanieren und das durch das onanieren sich die Knochen zurückentwickeln würden, Gérard das also insbesondere im Hinblick auf seine Erkrankung auf jedem Fall zu unterlassen hätte.

Heute würde einem ein neunjähriger bei einer solchen Aufklärung wahrscheinlich den Vogel zeigen. Der kleine Gérard fragte sich jedoch nur, was onanieren überhaupt sei?

Es war schon später Nachmittag, als die drei Rheinland-Pfälzer langsam durch Scheidegg fuhren. Damals war Bayern ja noch so etwas wie das Armenhaus der Republik und so staunten die drei über armselige Gehöfte oder Gaststätten, bei denen noch die Mistkaute noch direkt vor der Haustür waren und zum Erbarmen gen Himmel stanken.

Ein Kulturschock erfasste die Drei!

Überall war ihnen auf der Überlandfahrt, quer durch das Allgäu schon der penetrante Geruch nach Kuhdung und Gülle aufgefallen, der dort an jeder Straßenecke anzutreffen war.

Heruntergekommene Häuser zierten die Hauptstraße und kleine Hinweisschilder wiesen den Weg zur „Prinzregent-Luitpoldt-Kinderklinik“, die gut vier Kilometer oberhalb des Dorfes die neue Heimstatt des kleinen Gerards, für eine ungewisse Zeitspanne werden sollte.

Als sie Scheidegg in Richtung Kinderklinik verließen, den ärmlichen Serpentinenweg durch die dort befindlichen Waldstücke durchfuhren, öffneten sich alle Schleusen, sowohl die des Himmels, als auch die der Tränendrüsen, und die Dunkelheit des Tages und der Gedanken der drei PKW Insassen fanden einen absoluten Höhepunkt als man am Ende der Straße vor einem dreckig grauen riesigen Gebäude eine schmale Einfahrt durchfuhr.

„Oh Gott, wo bin ich hier nur gelandet“? so fragte sich sicherlich nicht nur der kleine Gérarde. Und noch schlimmer kam es, als die drei vor einer schmalen Pforte stehend um Einlass ersuchten, eine kleine kugelrunde Nonne, mit kräftig geröteten Wangen und hoch auftürmender Spitzhaube, der Kongregation Barmherzige Schwestern vom Vinzenz von Paul, sie anfuhr wieso sie erst so spät kamen und sie dann barsch an die Aufnahmeschwester verwies.

„Oh mein Gott, schon wieder solche Barrass – Schwestern“, ging es Gérarde durch den Kopf. Doch dieses Mal sollten es keine Wochen, oder Monate sein, nein Jahre, in welchem er den Machenschaften solcher „bösartiger“ Menschen ausgesetzt sein sollte.

Die Aufnahmeschwester, deutlich gereizt ob der unerwarteten Verspätung der Dreien, grummelte sich etwas in den Bart und wies unwirsch auf eine Wartezone, von der man sie sofort aufrufen werde, wenn der diensthabende Arzt bereit für die Aufnahme sei, wie Gérarde sich mühsam aus dem unverständlichen Allgäu – Kauderwelsch heraus interpretierte.

So warteten die drei bestimmt noch eine Stunde, bis die Chefsekretärin Vater und Sohn freundlich, ganz anders im Verhalten als die grässlichen Empfangsschwestern, bat, sich in das Untersuchungszimmer zu begeben. Der Chefarzt würde sich gleich ihrer annehmen.

Etwas beruhigt darüber, dass offensichtlich nicht das ganze Personal so bärbeißig wie die zuvor erlebten Nonnen waren, nahm Gérards Papa auf dem Stuhl in der Nähe des Bettes seines Sohnes Platz.

Mitten in der Unterhaltung ging die Tür auf und ein Bär von einem Mann, der Frisur nach eher Künstler als Arzt, und eine Ärztin, die sich im Nachhinein als Ehefrau des begleiteten Chefarztes herausstellte, trat ein und begrüßte Papa und Sohn.

Mit seiner goldenen Nickelbrille auf der Nase, dem krausen grauen Haar und seinen frohen Augen, erinnerte Dr. Heiland eher an einen gütigen Nikolaus, denn an einen der Gérarde zwischenzeitlich bekanntgewordenen „grausamen“ Ärzte.

Geduldig nahm er sich des kleinen Patienten an, erklärte ihm erstmals genau was ihm widerfahren war und drückte seine Hoffnung aus, ihn baldmöglichst aus der misslichen Lagen befreien zu können.

Einmal ins Gespräch gekommen, stellte sich ganz schnell heraus, dass der Heimatort des kleinen Gérarde diesem so sympathischen Arzt und seiner Ehefrau in sehr guter Erinnerung war.

Hatte nicht noch bis vor kurzem ein, eben aus Gérards Heimatort, stammender Steyler Missionar die letzten Jahre seines Lebens in der Prinzregent Luitpoldt Kinderklinik als Klinikpfarrer erfolgreich gewirkt. Pater Schuster, der Bruder des vormaligen heimigen Schulleiters, war nach der Rückkehr aus der Mission und bis zu seinem Tod, verantwortlich für die Seelsorge der dortigen Kinder, Nonnen und Hausangestellten. Nun ruhte er auf dem Friedhof der Steyler Ordensleute auf Kloster Birnau.

Gérarde sollte in den fast drei Jahren seines dortigen Aufenthalts oft die Feststellung machen, wie sehr ihm dieser Styler Missionar, auch noch nach seinem Tode, seine Anwesenheit in der Fremde erleichtern sollte.

Ganz offensichtlich hatte dieser gute Missionar mit seiner Arbeit, seine Heimat und deren Bewohner in ein gutes Licht gesetzt. Ärzte und Klinikmitarbeiter schlossen nicht nur deshalb diesen kleinen Rheinhessen besonders in ihre Bemühungen und freundliche Zugewandtheit ein.

Die Untersuchungen waren nun fürs erste abgeschlossen, zwischenzeitlich war es später Nachmittag geworden und sein Vater und Patenonkel hatten noch fast zehn Stunden zu fahren, mussten sich also schnellstmöglich auf den Heimweg machen.

Nachdem die Stationsschwester, Schwester Maria Brunhilde, eingetroffen war, verabschiedeten sich deshalb die Drei, nicht wissend wann man sich wiedersehen sollte, rasch voneinander. Die Tränen flossen reichlich, bis „Brunhilde“ schließlich klar machte, dass auch hier bezüglich Männlichkeit ähnlich es galt, wie es Gérarde im Alter von fünf Jahren in Engelsbrand kennen lernen musste. Heulen und Jammern waren für Jungen inakzeptabel.

Schwester Brunhilde brachte den Kleinen, die wenigen Sachen in einer Tasche auf dem Bett liegend, in sein Zimmer im ersten Stock, wo gerade das Abendessen anstand. „Schreck lass nach“ dachte er als er in diesen riesen Saal 105, mit seinen 15 Betten kam. „Hier sollte er also die kommenden Jahre verbringen“? Keine 50 Zentimeter trennten ihn von seinem linken und rechten Bettnachbarn. Sieben der Fünfzehn Kinder trugen ebensolche Gipspanzer wie er. Manche trugen einen Oberkörpergips, bei mehr als der Hälfte war es eine Gips Hose, die die Bewegungsfähigkeit der Jungen einengte.

Bei den restlichen Kindern handelte es sich um Kurkinder, welche in aller Regel wegen Untergewicht, oder wegen Lungenerkrankungen wie Asthma einer Luftveränderung benötigten, wie Gérarde rasch nach seiner Ankunft feststellen durfte.

Das Abendessen stand an, und direkt anschließend die Begrüßung des neuen Mitbewohners. Schwester Brunhilde und die weltliche Schwester Maria, verließen die kleinen Erdenbürger. Beide hatten ihr Tagewerk vollbracht und zogen sich nun zum gemeinsamen Gebet der Nonnen, bzw. in ihre Privaträume zurück.

Gérarde, noch ziemlich mitgenommen von den Erlebnissen des gerade vollzogenen Abschieds, konnte seine Tränen nicht länger zurückhalten. Kaum das die ersten Tränen liefen, zogen sich Bernhard und Hans, seine direkten Bettnachbarn rechts und links an sein Bett und bearbeiteten seine Oberarme mit festen Schlägen. Nicht ohne zu vergessen, darauf hinzuweisen, dass ihm das jetzt immer drohe, wenn er die Regel des Zimmers, „Geheult wird nicht – Denkt dran wir sind hier bei der Bundeswehr“ vergessen sollte, weil ansonsten das ganze Zimmer unter der Retourkutsche von Schwester Brundhilde zu leiden hätte, wenn einer der ihren, besagte Regel vergessen solle.

Und so blieben ihm die ersten blauen Flecke auf beiden Oberarmen, verdeckt durch die Schlafanzugjacke, und die Erinnerung an das Wissen, dass ihm das von nun an immer passieren würde, wenn er seine Mitbewohner in irgendeiner Weise in Gefahr bringen würde, für etwas bestraft zu werden, was seiner Person zuzuschreiben war.

Lektion gelernt, von nun an sparte er sich seine Tränen, für die nachfolgenden Nachtstunden, dann wenn alle bereits schliefen, auf.

Freitagmorgen, 05.30Uhr. Die Tür geht auf und eine Schwester Maria Brunhilde stürmt in den Schlafsaal. Die Kurkinder werden angewiesen für die bettlägerigen das Waschzeug vorzubereiten und es diesen ans Bett zu bringen. Bisher gewohnt von den Schwestern gewaschen worden zu sein, war es für Gérarde schwer auf dem Rücken liegend seine Morgentoilette zu machen. Doch irgendwie musste es ja letztendlich gehen.

Von den anderen Kindern hatte er zwischenzeitlich erfahren, dass diese erst vor kurzem von der Rückenlage in die Bauchlage verbracht wurden und er sicherlich dieses bald ebenfalls erleben würde, was seine Lage ungemein verbessern würde. Infolge dessen wusste er das es mit der Körperhygiene bald besser klappen würde.

Natürlich verschüttete er Unmengen an Wasser auf seinem Schlafanzugoberteil und Bett, was dann auch schnell zum ersten Schimpfanfall der beiden Stationsschwestern führte.

Er machte sich Gedanken, ob sein Vater und dessen Bruder heil zu Hause angekommen sind und fremdelte stark, da seine Zimmergenossen und die Schwestern ihn, wegen seines rheinhessischen Dialekts um dessen Ablegung er sich stetig mühte, nur schwer verstanden und er umgekehrt die unterschiedlichen bayrischen und schwäbischen Dialekte seiner Zimmergenossen befremdlich fand.

Tagelang musste er sich gedulden, bis er dann endlich schriftlich die erlösende Nachricht von der guten Heimkehr seines Vaters und seines Petters erhielt.

Doch die neue Umgebung fraß ihn regelrecht auf. War er bisher nur die Umgebung seiner Eltern, Geschwister und Verwandtschaft gewohnt, musste er sich nun in eine Umgebung von 15 Kindern, zwischen 6 und 14 Jahren, die Schwestern, Ärzte und sonstiger Helfer gewöhnen.

Ein Leben, 24 Stunden, auf, in einem Schlafsaal, zuzubringen und nur ganz wenig von der Umgebung kennen zu lernen, war sehr schwierig für ihn.

Vor allem die tägliche Langeweile, in Bayern waren die Sommerferien ja bis Mitte/Ende September normal, nur unterbrochen vom regelmäßigen Blutabnehmen und den täglichen Mahlzeiten war ihm, der ständigen Kundenkontakt gewohnt war, so total fremd, dass er sich nur im hinwegdämmern einen kleinen Ausweg verschaffen konnte.

Schwester Brunhilde hatte natürlich nicht daran gedacht ihn aus seiner Rückenlage zu befreien. So war er gegenüber seinen Mitpatienten im steten Nachteil, da diese in Bauchlage deutlich mehr unternehmen konnten als er.

Es belastete ihn auch der Zustand, dass er täglich nur morgens in der Früh und vor dem Schlafengehen die Urinflasche gereicht bekam. Stuhlgang außerhalb der geltenden Regel von zweieinhalb Tagen zwischen der Verabreichung des Nachttopfes, war nicht möglich und so waren seine ersten Stunden dadurch geprägt, dass er ständig gegen den mehr und mehr aufkommenden Druck in seinen Gedärmen ankämpfen, und den Schließmuskel zusammenpressen musste.

Auch der interne Kampf um vorherrschende Machtverhältnisse unter den Kindern machte ihm ein ums andere Mal zu schaffen und so war es kein Wunder, dass er mehr und mehr daran zweifelte diese Zeit seiner Qualen überstehen zu können.

Nach und nach erfuhr er von seinen Zimmergenossen, dass er sich eher darauf einstellen musste, nie in seiner Zeit des Klinikaufenthalts Besuch von seinen Eltern oder Verwandten zu erhalten. Ein ums andere Mal musste er miterleben und erfahren, dass die Eltern seiner Zimmerkameraden diese nur zu Beginn des Aufenthaltes dort abgegeben hatten und ganz augenscheinlich diese in Vergessenheit geraten schienen.

Manche lagen bereits vier Jahre in ihrem neuen Heim, ohne je den Besuch ihrer Eltern, welche nur wenige km entfernt von der Klinik lebten, erhalten zu haben.

So fragte er sich Mal um Mal, ob seine Eltern ihn, nicht zuletzt wegen der 450km Abstand von zu Hause, nicht auch vergessen würden und er sich an den Gedanken gewöhnen musste diese erst wieder, wenn überhaupt, nach seiner Gesundung wieder zu Gesicht zu bekommen.

Bernhardt, hatte vor kurzem einen neuen Gips bekommen und klagte auffallend oft über Schmerzen. Er hatte in seiner Heimatstadt eine Hüftoperation überstanden und umgehend danach die Gips Hose erhalten, war dann sofort nach Scheidegg gebracht worden.

Von Tag zu Tag ging es ihm elender, so dass Schwester Brunhilde sich gezwungen sah den Chefarzt zu informieren.

Dieser ordnete diverse Untersuchungen an und nach dem Laborbefund der Blutwerte war klar, dass er sich eine Entzündung, vermutlich der OP Wunde, eingefangen hatte.

Also machten sich die beiden Schwestern daran den Beckengips mittels Gipsschere zu entfernen. Ein fürchterlicher Schrei quoll über seine Lippen, als Schwester Brunhilde ihn wohl mit der Schere an der entzündeten Wunde traf und diese aufriss. Fürchterlicher Gestank strömte durch den Saal, als sich der Eiter aus der Wunde, über die geöffnete Gips Hose und das Bett verteilte.

Gérarde lag keine 50cm von ihm entfernt und sofort überkam ihn eine fürchterliche Übelkeit, die ihn zu Brechreizen anregte. Zu allem Überfluss entleerte sich sofort sein Magen, ob dieses fürchterlichen Anblicks und Gestanks.

Und sofort hatte er sich den Zorn der beiden Schwestern und seiner Bettnachbarn eingefangen. Laute Schreierei und Geschimpfe prasselte auf ihn nieder, als die Türe aufging und Dr. Heiland mit dunkler lauter Stimme tönend: “Na, na, na, was ist denn hier los?“ sich ihm zuwandte und sofort versuchte ihn, den Neuzugang zu trösten und beruhigend auf die Schwestern einzusprechen.

Sofort ordnete er an, dass das Bett Bernhardts in das Badezimmer geschoben wurde und die unschönen Hinterlassenschaften beseitigt wurden.

Schwester Brunhilde erfuhr seinen Zorn, wie man unschwer vom Badezimmer aus vernehmen konnte, da diese sich gegen seine Anordnungen, Gips nur im Badezimmer zu entfernen, hinweggesetzt hatte und die anderen Kinder damit einhergehend so stark belastet hatte.

Anschließend trat dieser gütige Mann nochmals an Gérarde´s Bett, beruhigte ihn und versprach ihm öfter einmal nach ihm schauen zu wollen.

Gleichzeitig versprach er diesem, dass es ihm bald besser gehen werde. Spätestens dann, wenn Pater Schulz, Frau Braun – seine Lehrerin – und die eigentliche Stationsschwester, Maria Friederika, ihren Urlaub beendet hätten und alles wieder seinen geregelten Gang gehen sollte, werde er spüren können das er hier gut aufgehoben sei.

Gérarde hatte Vertrauen in diesen gütigen Mann gefasst, weshalb er ihm von seinen Sorgen, dass seine Eltern ihn wohl genauso vergessen würden wie es die Eltern seiner Zimmerkollegen ganz offensichtlich getan hätten, berichtete.

Kopfschüttelnd informierte Dr. Heiland Gérarde darüber, dass er gerade vor wenigen Stunden einen Anruf von seinen Eltern erhalten hätte, bei welchem diese sich über seinen Zustand informiert und nachgefragt hätten bis wann er denn den ersten Besuch genehmigen werde.

Verwundert darüber das Gérarde noch nichts von den Anrufen seiner Eltern erfahren hatte, versprach dieser dem Buben, dass er Schwester Brunhilde noch einmal ins Gebet nehmen wolle, damit diese ihm, Gérarde, zumindest über die ständigen Anrufe und Nachfragen seiner Eltern zu informieren hätte.

Gleichzeitig teilte er ihm mit, dass seine Eltern bereits in wenigen Wochen, das erste Mal zu Besuch kommen würden.

Dankbar über die Informationen reichte Gérarde ihm die Hand und versprach Dr. Heiland sich keine weiteren Sorgen mehr zu machen, damit seiner Genesung nichts mehr im Wege stehen würde.

Daraufhin verließ Dr. Heiland das Zimmer, lächelnd und mit Hinweis auf die Lockenpracht des kleinen Gérards und dass er in seinem Alter etwa die gleiche Haarpracht wie dieser gehabt hätte.

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Pater Schulz

Wenige Tage später kam dann Pater Schulz aus seinem Urlaub zurück. Von da an hatte Gérarde einen täglichen Besucher an seinem Bett, welcher ihm, mittels Schilderung seiner Erlebnisse als Missionar in China und seinen Geschichten um Heilige, insbesondere um die Leidensgeschichte von Pater Pio, welcher sich mit seinen Stigmata für viele Menschen zur Heilfigur entwickelte und dem einen oder anderen Mitmenschen sein Schicksal erheblich erleichterte, dabei half seine anfänglich schwierige Zeit gut zu überbrücken.

Der Sommer war sehr schön, und so wurden die bettlägerigen Jungen, umgehend nach der Morgentoilette auf den schönen Balkon, direkt vor dem Schlafsaal gebracht.

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Auf dem Südbalkon vor dem Hintergrund der Allgäuer Alpen

 

Der Besuch der nicht bettlägerigen Kinder auf dem Balkon, das Herumtoben mit diesen soweit möglich, lenkte Gérarde von seinen ständigen Gedanken und Grübeleien ob seiner Erkrankung, den Sorgen um seine Familie und wegen der fehlenden Bewegung und Beschäftigung, so gut ab, dass dieser sich des Abends regelmäßig fragte wohin der Tag nur so schnell vergangen war.

Dort brüteten sie den ganzen Tag, zumeist mit nacktem Oberkörper, unter der direkten Sonneneinstrahlung und nur ab und zu brachten ihnen die Kurkinder ihres Schlafsaals eine Waschschüssel voll klaren kühlen Wassers.

Eine besondere Wohltat, konnte man doch endlich einmal einen großen Schluck aus der Schüssel trinken, ehe man seinen Kopf ins kalte Wasser tauchen und sich Arme und Oberkörper schön abkühlen.

Zu trinken gab es rückblickend betrachtet eher viel zu wenig.

Wahrscheinlich war dieses den Bemühungen der Schwestern geschuldet nicht ständig mit der Urinflasche Gewehr bei Fuß stehen zu müssen. Und so waren alle froh, wenn sie sich dieses herrlich kühle Wasser durch die Kehle laufen lassen konnten.

Doch alles in allem waren die ersten Tage mehr als langweilig, da auf dem Rücken liegend vieles nicht so leicht zu machen ist, wie es auf dem zuvor erkennbaren Bild in Bauchlage zu erkennen ist.

Die Ärzte haben nach knapp vier Wochen endlich ein Einsehen und wollen den Gips wechseln, nachdem Gérarde mit der Menge an Mull zwischen Gips und Haut, sich ständig versucht mit einem langen Holzlineal Linderung gegen das ständige Gejucks zu verschaffen und dabei ständig riskiert sich die Haut zu verletzen.

 

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Schwester M. Friederika

Es wird die erste Amtshandlung seiner geliebten Stationsschwester Maria Friederika. Nach mehreren Stunden hat sie es dann endlich geschafft die mehrere Lagen Mull und den zentimeterdicken Gips zu beseitigen und der kleine Gérarde darf sich eines herrlich erfrischenden Bades erfreuen. Eine Woche lang darf er sich täglich eine Stunde im angenehmen kühlenden Nass der großen Badewanne tummeln.

 

Genuss pur.

Wie groß kann schon der Genuss einer solch einfachen Handlung sein, wenn man auf diese wochenlang verzichten muss?

Ab jetzt freut er sich regelmäßig auf die im 14tägigen Rhythmus anstehenden Wechsel von der Rücken- in die Bauchlage. Auch wenn es anfänglich etwas schwierig ist sich auf dem Bauch liegend bewegen zu können, schließlich muss die Oberkörpermuskulatur sich erst einmal auf die neue Herausforderung einstellen. Doch schließlich schafft es die tägliche Übung, dass er sich sogar im Bett, auf dem linken Knie knieend aufrichten kann.

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1966, Kniend

 

So kann er sich wenigstens einen größeren Überblick über das Zimmer- und Balkongeschehen machen und auch dem einen oder anderen Quertreiber der Kurkinder erfolgreich Paroli bieten.

 

Mitte September 1964 ist es, als er seine zweite Gips Hose erhält.

Ganze sechs Wochen war es jetzt her, seit er die erste unter Vollnarkose erhalten hatte.

Zuvor werden Röntgenaufnahmen gemacht und die Lunge durchleuchtet. Dr. Heiland begrüßt ihn herzlich im Röntgensaal. Dick eingemummt ist dieser in eine schwere Bleiweste und Herr Hoffmann, der Röntgenhelfer, sind kaum zu erkennen in ihrer Schutzkleidung.

Viel später wird Gérarde klar, dass diese Beiden viel zu sorglos mit dem Anlegen der Schutzkleidung umgegangen sind. Doch davon später und an geeigneter Stelle.

Dr. Heiland und Herr Hoffmann mühen sich redlich dem kleinen Gérarde die Angst vor dem Bevorstehenden zu nehmen, erklären jede ihrer Handlung ausführlich und zerstreuen so recht schnell die Bedenken des Jungen.

In Folge der später regelmäßig, alle drei bis vier Monate, folgenden Untersuchungen entwickelt sich so etwas wie Routine. Doch heute belastet es den kleinen Gérarde ziemlich stark, zumal jede Bewegung, und auch der Stand auf den Beinen erhebliche Schmerzen bereitet.

Nachdem klar war, dass die Heilung noch nicht eingesetzt ist, bringt ihn Schwester Friederika auf das Gipszimmer.

Es ist entwürdigend, sich vollständig nackt einer Mannschaft von sechs bis acht Frauen und drei bis vier Männern präsentieren zu müssen. Dazu noch, gefühlte stundenlang, mit dem Oberkörper auf einer Ablage ruhend, mit dem Gesäß auf einem Fahrradsattel ruhend, vermeintlich stundenlang auf das Fertigstellen der Gips Hose warten zu müssen.

Doch auch das wird irgendwann zur Routine und Gérarde erhält eine gewisse Dickhäutigkeit im Umgang mit Pflegepersonal.

Ach, wie ist das wunderbar. Die neue Gips Hose ist um Welten besser als die Alte. Kein ständiges Gejucks mehr, keine geöffneten Hautfalten, dank drückender Mullauflagen. Erst nach zwei bis drei Monaten merkt man, dass es Zeit wird einen Wechsel vorzunehmen, da es mehr und mehr zu Juckreiz kommt und man bald nicht mehr weiß sich zu helfen, da diese vorwiegend da auftreten wo ein Hinkommen mit einem Lineal oder anderem geeigneten Gegenstand immer schwieriger wird.

Jetzt heißt es nur zumindest acht Tage aufzupassen, damit der neue Gips nicht an einer unbedachten Handlung leidet und zerstört wird. Schließlich muss dieser bis zur vollständigen Stabilität vollständig ausgetrocknet sein.

Kirchweih ist in seinem Heimatdorf angesagt und seine Eltern kommen zu Besuch. Leider können sie nicht diesem Gefängnis entfliehen, weil der Trocknungsprozess noch in vollem Gange ist. Daher müssen sie Vorlieb nehmen mit einem Aufenthalt in einem kleinen Untersuchungszimmer, zumal der Aufenthalt im Schlafsaal die restlichen Kinder doch entschieden gestört hätte.

Sie bringen einen Brief seiner Klassenkameraden mit, über den der kleine Gérarde sich unglaublich freut. Zeigen diese ihm doch damit das er dazugehört, trotz seiner bereits langen Abwesenheit. Doch es wird auf fast drei Jahre das einzige Lebenszeichen seiner Klasse bleiben.

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Im Besuchszimmer, wartend auf den elterlichen Besuch

Natürlich möchte er wissen wie sich zu Hause alles entwickelt hat und wie es Geschwistern und Verwandten, Oma´s, Opa´s und seinen Freunden geht. Wie lange sie bleiben können, interessiert ihn am meisten und sie verbringen die Zeit in diesem Zimmer bei gemeinsamem Spiel, bei Gesprächen oder beim Zusehen, wie seine Mama ihre Strickereien fertigt.

Das Wochenende geht viel zu schnell vorüber und als Sonntagabend der Abschied naht, ist es schwer für den kleinen Kerl seiner Tränen Herr zu werden, die er nur bei den Eltern zeigen kann und darf.

Keiner weiß wann man sich wiedersehen wird. Geplant ist es die Weihnachtszeit gemeinsam verbringen zu wollen, doch ob das alles so klappen wird, darüber kann heftig spekuliert werden.

Pünktlich um 17.00 Uhr steht Schwester Friederika vor dem Bett und holt den kleinen Kerl zum Abendbrot ab. Wenige Minuten verbleiben um sich voneinander zu verabschieden und dann geht es aufwärts zu seinen Leidensgenossen.

Stundenlang wird er sich Gedanken machen müssen ob seine Eltern heil zu Hause angekommen sind, und was seine Geschwister über die von ihm in der Zeit seines Aufenthaltes für diese gebastelten Geschenke, denken, ehe ihm die telefonisch übermittelten Grüße seiner Eltern etwas Erleichterung verschaffen.

Der Montagmorgen holt alle in die schon seit Tagen gefürchtete Realität zurück.

Die Sommerferien sind vorüber und der Schulalltag wird sie jetzt wieder täglich in ihren Bann nehmen.

Für Gérarde wird es etwas Neues sein, fernab von seiner gewohnten Klasse den Unterricht aufzunehmen und sich bewusst zu sein, dass er mit seiner rheinhessischen Mundart ein Fremdkörper in dieser seiner Klasse sein wird. Neu ist auch, dass er, statt wie bisher in einer Klasse sitzend, jetzt Bestandteil einer vier Klassenstufen umfassenden Schulgemeinschaft sein wird. Beide Lehrerinnen begrüßen ihn ganz lieb und es geht daran die ersten Unterrichtseinheiten abzuarbeiten.

Es ist ungewöhnlich, sich seiner Aufgabenstellungen zu vergewissern, während die höherklassigen Schüler mit ihren Aufgaben beschäftigen. Doch andererseits lernt Gérarde diese neue Schulform zu schätzen, gibt sie ihm doch die Möglichkeit seine Multi Taskin Eigenschaften zu schulen. Und so entwickelt er schnell die für ihn günstige Beschäftigungsform dazu klassenübergreifend in den Unterricht einzugreifen.

Der Unterricht ist ungeheuer vielseitig und spielerisch aufgebaut. So ganz anders wie zu Hause das permanente Einpauken. Vieles wird spielerisch verpackt und Leistungsstandabfragen gehen häufig, neben den bereits geübten Abfragen in Schriftform, in Form von Rätselspielen einher, bei denen er sich immer wieder hervortun kann. Mal um Mal diese Rate-, oder Kopfrechenspiele für sich entscheidet.

Lediglich mit der deutschen Sprache tut er sich schwerer als die „breite Masse“ der restlichen Schüler. Viel zu sehr ist er noch in seinem rheinhessischen Dialekt gefangen, verschluckt Endungen, oder versteht Sätze, aufgrund der Aussprache in Hochdeutsch, leicht eingefärbt vom allgäuischen Dialekt, nicht vollständig.

Eine drei bis vier im Zeugnis ist daher die Folge, während er in allen anderen Fächern zwischen eins und zwei steht. Hilfe muss also her, will er in den folgenden Klassenstufen nicht total abfallen.

Geburtstage werden in der Schulklasse zelebriert, Schokoladenessen, verpackt in Ratespiele lassen die Schulzeit nur so dahinrasen.

 Der Herbst hat Einzug gehalten und man nähert sich rasend schnell dem ersten Weihnachtsfest in der Ferne.

All Sonntäglich zelebriert Pater Schulz in der kleinen, so wunderschön hergerichteten, Klinikkapelle sein Hochamt, an welchem Gérarde von Herzen gerne teilnahm.

Bot sich ihm dort doch einmal mehr die Gelegenheit, sich selbst und die Fülle seiner Sorgen und Nöten seinem Herrn Jesus Christus zu offenbaren.

Tag für Tag mehr und mit zunehmender Verbundenheit mit Pater Schulz und Schwester Friederika wuchs sein Wunsch, diesen Beiden in ihren Taten und Werken zu folgen, sich dem Dienst am Nächsten zu weihen.

Er nähert sich Tag für Tag mehr den Idealen der Gemeinschaft der St. Georg Pfadfinder.

Eine wunderschöne bestimmt achtzig Zentimeter hohe und gut dreißig Zentimeter dicke Kerze schmückte das Allerheilige. Wie man hörte eine Gabe der Arztfamilie Heiland verbunden mit ihrem Wunsch das sie nach drei Töchtern doch endlich einen gesunden Sohn gebären sollten. Michael, jetzt etwa 14 Jahre alt, die meiste Zeit des Jahres auf dem Internat lebend, sollte kurz darauf das Licht der Welt erblicken.

Schwester Friederika hat das handwerkliche und kreative Geschick des kleinen Gérarde entdeckt und fördert ihn wo sie nur kann.

Spielerisch wird er eingebunden in die Herstellung kleiner selbstgebastelter Geschenke, Mobilee´s, kleine Täschchen, Geldbörsen, aus Kunstleder hergestellt entstehen so in der verbleibenden Freizeit genauso, wie Zeichnungen, die sie selbst für ihre Verwandtschaft, Freundschaft, aber genauso auch für die Verwandtschaft des kleinen Gérarde, zaubern.

Auch hilft er gerne beim Zusammenlegen der Wäsche seiner Zimmergenossen. Bringt dieses doch zumindest etwas Abwechslung in seinen eintönigen Alltag.

Der Winter hält Einzug. Und plötzlich lernt der kleine Gérarde den Winter einmal von seiner brutalsten Seite kennen. Sie sind eingeschneit. Fast eine Woche lang schuften alle Angestellten der Klinik und umliegender Bauernhöfe um die mit fast drei Meter hohen Schneeverwehungen bedeckte Zufahrt zur Klinik wieder frei zu bekommen.

Plötzlich können die 15 Racker nicht einmal mehr aus ihrem, im ersten Stock des Klinikgebäudes liegenden, Schlafsaal hinausschauen. Der Schnee hat sich bis zum oberen Stockwerk hin aufgetürmt. Es ist dunkel geworden in dem ansonsten freundlich hellen Krankenzimmer. Tagelang brennt ständig das Licht.

Mitte Dezember 1964 erhält er seinen neuen Gips. Also ist nichts drinnen mit abholen über das Weihnachtsfest in heimatliche Gefilde, wie es seine Eltern und er es sich so sehr wünschten.

Seine beiden Brüder und die Eltern kommen also nach Scheidegg.

Schwester Friederika hat ihnen eine Bleibe in einem landwirtschaftlichen Anwesen verschafft. Und Gérarde darf zur Freude aller sie dorthin begleiten.

Bei Familie Boch, fanden die fünf eine Unterkunft, wie es bald 2000 Jahre zuvor, Maria und Josef ebenfalls taten. Das Zimmer befand sich passender Weise direkt über dem Kuhstall. Der allgegenwärtige Duft von Kuhdung schloss die Familie ein und Familie Boch tat alles um die so leidvoll heimgesuchte Familie mit in ihr Familienleben einzubinden.

Ja, diese luden sie sogar ein bei Ihrer Familienfeier anwesend zu sein und gemeinsam mit ihnen das familiäre Wohnzimmer zu nutzen.

Herr Boch spannte sein Pferd vor den Schlitten, Gérarde und seine Familie wurden aufgeladen und so konnten die fünf erstmals etwas mehr von Scheidegg sehen, als nur den Schlafsaal, den Gastraum der Klinik und den kurzen Weg von der Klinik zu Familie Boch.

Die Christmette erlebten die fünf, ebenfalls vom Pferdeschlitten zur Kirche geleitet, in einer besonderen, dieser Berggegend eigenen Atmosphäre.

Und Gérarde durfte erstmals den gewaltigen, wunderschönen Bariton, des Chefarztes Dr. Heiland anlässlich dieser Christmette hören.

Bald darauf hieß es wieder Abschied zu nehmen, Eltern und Geschwister machten sich auf die endlose Heimreise und Gérarde Jácob musste wieder vorlieb nehmen mit seinem mehr als beengten persönlichen Freiraum im Zimmer 105, der Prinzregent Luitpoldt Kinderklinik.

Wie schwer ihm der Abschied von Eltern und Geschwistern wirklich fiel, dass bemerkte man jedoch lediglich an seinem in der nachfolgenden Nacht, von Tränen reich genässtem Kopfkissen.

Tags darauf erhielt er Nachricht, dass sein Vater gerade angerufen hätte und die vier wohlbehalten zu Hause angekommen seien, er sich also nicht länger Gedanken machen müsse.

Bis Heilige Drei Könige, dem 06.01.1965, standen noch Ferien an. Nur mühsam zogen sich die Tage dahin, in denen lediglich die acht bettlägerigen Kinder im Saal 105 anwesend waren. Danach sollten die nächsten Kurkinder wieder Leben in die Bude bringen.

Manche Spannungen entluden sich in diesen Tagen, da die Eifersucht der nicht mit Besuch beglückten Kinder auf den kleinen Gérarde Jácobe riesengroß war.

Und so musste sich dieser, immer dann, wenn Schwester Friederika, die in diesen Tagen alleine die Kinder betreute, weil Schwester Elisabeth auf Besuch bei ihren Eltern war und ein paar Tage Urlaub angehängt hatte, den Buben den Rücken wandte, sich der Fausthiebe seiner Bettnachbarn zur Wehr setzen.

Immer traf es beide Oberarme und den Rücken des kleinen Rackers, bis ihm der Kragen platzte und er sich zur Wehr setzte. Und ausgerechnet traf er Bernhardt, mit einem linken Aufwärtshaken am rechten Auge. Oh, weh, sofort schwoll das Augenlied auf und Bernhardt fing laut zu schreien an.

Schwester Brunhilde, die die Zimmer in der direkten Nachbarschaft betreute hörte diese und ruckzuck war sie zur Stelle um für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Und natürlich war der kleine Gérarde Jácobe der böse Bube, weil Bernhardt und Hans ihre Version der Ereignisse, unterstützt von den anderen fünfen, schilderten und die Ausführungen von Gérarde Jácobe so natürlich völlig untergingen.

Schwester Brundhilde läutete nach Ihrer Ordensschwester und, als diese eintraf, gingen beide ins Nachbarzimmer um den Vorfall zu erläutern. Als Friederika im Saal 105 eintraf, war ihr ihre Verärgerung auf den ersten Blick anzumerken. Hochrote Wangen verkündeten ihre Aufregung und Verärgerung, als sie sich den kleinen Gérarde Jacob vornahm.

Das schadenfrohe Gelächter der anderen Kinder, deutete an, was Gérarde Jácobe nun, wegen dieses Vorfalls erwarten sollte.

Hatte er sich doch seit seiner Ankunft im Handumdrehen in das Herz dieser von ihm so geliebten Schwester geschlichen, war „ihr Männlein“ geworden, auf den sie so große Stücke hielt und dabei natürlich den angestammten Platz von Wolfgang, einem damals 14-jährigen, gewissermaßen im Handstreich besetzte.

Ihm stockte das Herz denn ihm war klar, dass er aus dieser Nummer, egal wie unschuldig er auch in Wirklichkeit war, so einfach nicht herauskommen würde. Zumal er ja auch tief im Innern verspürte, dass er Schwester Friederika durch sein Verhalten völlig zu Recht enttäuscht hatte.

Warum hatte er nicht einfach die Schläge über sich ergehen lassen? Warum sich gewehrt? Es hatte ja eh nichts gebracht, außer der Tatsache, dass er den Zorn der anderen nur zusätzlich angestachelt hatte und sich zudem noch den Zorn seiner geliebten Friederika eingehandelt hatte?

Friederika sprach ihn ruhig an, nur ihre Augen blitzten ihn strafend an, als sie ihm erklärte, dass sie maßlos enttäuscht von ihm sei und sie sich nun auch noch zusätzlich vor ihrer Oberin erklären müsse, wie sie es zulassen konnte, dass sie ihn gegenüber den anderen Kindern „bevorzugt“ behandelt hätte und damit einhergehend den anderen Kindern Grund zur Eifersucht gegeben habe.

Das Schwester Brunhilde, in ihrer Eifersucht auf das gute Ansehen von Friederika, jetzt darauf bestehen würde, dass sie bald zu Exerzitien ins Mutterhaus gehen müsse um Buße zu tun. Der Saal 105 deswegen jetzt mindestens 14 Tage von Brunhilde geführt werden würde.

Ihm brach bald das Herz, zu sehen, was er mit seinem Verhalten bewirkt hatte. Erst recht, als er bemerkte, wie sie sich ihm gegenüber zusehends veränderte.

Die kommenden vier Wochen wurden ihm mehr und mehr zur Last, als er merkte, wie Friederika sich mehr und mehr von ihm abwandte, keine Gelegenheit ausließ um ihm zu zeigen wie schwer er sie mit seinem Verhalten verletzt hatte.

Er wollt sich erklären, und wusste doch, dass er sich damit nur noch mehr ihres Vertrauens verlustig machen würde.

Schließlich waren sie doch bei der Bundeswehr, und da kam ein Petzen gar nicht gut an.

So zog er sich mehr und mehr zurück, wurde einmal mehr zum einsamen Wolf und verkroch sich in seine Phantasiewelt.

Gott sei Dank, Nachricht aus Rheinhessen trifft ein. Seine Eltern haben ihm ein großes Päckchen geschickt.

Vollgepackt mit Süßigkeiten, Kleinigkeiten zum Anziehen, anstatt einer Schlafanzughose, welche ja nicht über eine Gips – Hose anzuziehen war, hatte ihm seine Mutter kurze Hosen genäht, die seitlich, analog heutiger Pampers Windeln, zu öffnen war und damit zumindest seine Scham verdeckte. Vater hatte ihm eine Kiste gebaut, die im Kopfteil des Bettes liegend, während des Tages Stauraum für seine Utensilien, Tempotaschentücher, Nivea – Dose – zum eincremen der Ellenbögen, die durch das ständige Abstützen auf der rauen Bettwäsche ständig aufgescheuert wurden, und durch ständiges eincremen vorm bluten geschützt werden mussten – war, Spiel- und Waschzeug, aufnehmen konnte, die er nun zusammenbauen musste.

Zudem lag ganz viel an Süßwaren bei.

Insgeheim freute er sich darauf jetzt wenigstens bis zum Eintreffen des nächsten Päckchens täglich das ein oder andere Bonbon sein eigen nennen zu können.

Doch diese Freude sollte nur kurz währen, weil Brunhilde kurzerhand entschied die Süßigkeiten unter den Kindern aufzuteilen.

Einwände, mit Hinweis, dass seine Eltern bestimmt nicht wollten, dass andere Kinder, ohne seine Einwilligung in den Genuss der Süßigkeiten kämen wischte sie lapidar zur Seite, als sie meinte, er hätte ja mit den vielen Geschenken und seinem ersten Karl May Buch mehr als genug bekommen und könne ohne große Mühe auf die Süßigkeiten verzichten. Zudem hätte er ja auch in der Vergangenheit gezeigt, dass er eigentlich gar kein Süßes verdient hätte.

Die Schadenfreude bei den anderen Kindern, einschließlich bei Brunhilde selbst, strahlte aus deren Gesichtern um die Wette, als er dieses Mal völlig leer ausging.

Schwester Elisabeth machte sich ihm gegenüber leise bemerkbar und zwinkerte ihm schelmisch zu, um ihm mitzuteilen, dass er sich keine Gedanken machen solle, da sie schon für ihn sorgen werde.

Und kaum als Brunhilde verschwunden war und die Bettnachbarn in ihre Spiele vertieft waren, machte sie sich an seinem Bett zu schaffen und steckte ihm heimlich eine große Tüte seiner beliebten Gummibärchen zu, die er schnellstmöglich in seiner neuen Bettlade verstaute.

Dann wandte er sich seiner neuen Errungenschaft, seinem ersten Karl May Buch zu, nicht wissend, dass dessen Lektüre ihn nun für die Dauer seiner Krankenhauszeit so völlig verändern sollte. 

„Vater “

Wie oft hab ich nach dir gefleht

Gerufen dich zu kommen, zu helfen mir und mich zu holen

Doch lange ist mein Ruf verweht

Konnt ich der Schuhe viel derweil besohlen

 

Hätt dringend nötig dich gebraucht

Zu stehen mir an meiner schwachen Seite

Wenn deine Zigarette hättest du geraucht

In meiner Nähe dort, in jener ach so fernen Weite

 

 Komm her, und hör mein einzig Wort,

  Ein Wort, so kinderleicht zu sagen.

Komm her, und geh nicht wieder fort;

  Wünscht mir so sehr, brauchte vor dir

dereinst – so lange nie zu zagen.

 

 Ich wartete schon so lange dein;

Und doch ließt es so lang vergeblich sein!

Wie oft sprach ich als Kind dies liebe Wort

  So oft und gern, wenn ich gelitten;

 

 Stets hab gehofft gehört würd es am rechten Ort:

  Und doch dein Vaterherz ließ sich so leicht nicht bitten.

Wie ist dies Wort so klein, und auch so rein,

Und doch kann keines größer sein.

 

Nun bin ich längst das Kind nicht mehr,

  Das sein musst ich, in jenen Tagen,

Und ach wie lang bist du nicht mehr,

  Dem ich mein Leid versuchte oft zu klagen.

  

 Du gingst; doch trat ich für dich ein;

Denn Liebe kann nie sterblich sein.

Drum sprich mein Kind dies schöne Wort, nun du zu mir;

  Wünsch mir so sehr, dass niemals fällt so schwer es Dir,

Wie mir es fiel in jenen Jahren

Als ich so früh erwachsen sein,

der Kindheit musst so früh entsagen.

 

Will deinem Anspruch mich verzehrn,

 Deines Vertrauens ach so gern

Mich so viel würdiger erweisen

Als man es mir dereinst verheißen

 

O, hörtest du’s im Himmel hier

  Von aller Sel’gen Mund erschallen!

Sprich „Vater“, drum dies eine Wort zu mir allein,

Und ich will dankbar dir und´s ewig sein!

(©G. J. Wagner, 03.04.2018)

„Wenn ich an dich denke“

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Ich schau in den Spiegel – frag mich warum

Du, dass in mir siehst was ich so deutlich verspüre

bin ich doch nur jener Dickbauch-Wurm

als ob jemand wie du, dich für mich interessiertest

Und ich schau in den Spiegel – frag mich warum?

Doch mein Wunsch dich zu sehen

ist so mächtig und stark

meine Arme möcht schützend Dir geben

Dich zu streicheln da, wo Du am liebsten es magst

ist immerzu mein größtes Bestreben.

Ungläubig, staunend und weil´s mir behagt,

Deine Gefühle zu spüren ohne dass du je etwas sagst

lässt´s Herz mir vor Freude erbeben.

Und ich schau in den Spiegel – frag mich warum?

Sachte zu streicheln Deine herrlichen Hände

Deine Gefühle zu spüren ohne dass Du je etwas sagst

Schmetterlinge schwirren in mir behände

Deine Augenbrauen, Deine Nase, Deine Lippen, Dein Kinn

möchte ständig ich liebkosen, streicheln und Küssen

nie hätte ich das auch nur im Traum mich gewagt

doch gehst Du Tagaus und Tagein – mir nicht mehr aus dem Sinn

Ganz egal wo ich bin, ob es Dir gut geht, möchte immer nur wissen

Und ich schau in den Spiegel – frag mich warum?

Meine Hände, nicht von Dir lassen mehr mag,

liegen in deinen Händen und ich spüre dich ganz

weiß wie es dir geht, spüre Dich aus der grössten Ferne Tag

Du siehst ich spür´ genau, seh´ Deines Herzens Glanz

und bin ich noch so fern von Dir

ich spüre Dich, als stündest Du ganz nah bei mir.

Und ich schau in den Spiegel frag mich warum?

Bis der Erkenntnis Glanz erhellt mein Gesicht

ganz tief im Innern – Du hast mich erkannt

es ist nicht mein Körper und nicht mein Gewicht

die inneren Werte – Dich haben gebannt.

Und ich schau – nicht mehr – in den Spiegel,

und frage – nicht mehr – warum.

(©G. J. Wagner, Mai 2016)

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